Brückenschlag zwischen Moderne und Überlieferung – Kasai Allstars

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So sehr Europa auf seine regionalen musikalischen Identitäten pocht, gefühlte Lichtjahre etwa den Balkan Brass vom Irish Folk trennen, so neigt doch selbst der kultivierte Europäer dazu, Musik vom afrikanischen Kontinent samt und sonders in eine Schublade zu stecken. Was außerhalb westlicher Traditionen steht, wird als Weltmusik klassifiziert. Solch Etikett muss reichen. Und obwohl auch ich kein Experte für afrikanische Diversität bin, sehe ich in musikalischer Hinsicht doch ein Spannungsfeld dreier Stoßrichtungen. Zum einen die bisweilen fast puristisch vorgetragene Musik, die das kulturelle Erbe bewahren möchte und oft musikalische Brauchtumspflege auf höchstem künstlerischen Niveau betreibt. Hier wäre etwa das vor wenigen Monaten veröffentlichte, vielfach gepriesene Kora-Album Toumani & Sidi von Toumani Diabaté und Sohn Sidiki zu nennen. Daneben existiert eine völlig von westlichen Pop- und Rap-Einflüssen geprägte Musik, die in Europa abseits einer migrantischen Parallelgesellschaft de facto kaum wahrgenommen wird. Und dann wäre noch ein Sound zu nennen, der einen Brückenschlag zwischen Moderne und Überlieferung wagt, wie dies etwa die Kasai Allstars mit ihrer Doppel-CD Beware The Fetish tun.

Das Kollektiv der Kasai Allstars ist im kongolesischen Kinshasa beheimatet. Die Demokratische Republik Kongo war schon in der Vergangenheit ein Schmelztiegel, der in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts etwa den Rumba congolaise in all seinen Ausprägungen hervorbrachte. Ein Franco mit seinem Orchester OK Jazz wäre hier unbedingt zu nennen. Die Karai Allstars sind also keineswegs vom Himmel gefallen, sondern Folge einer gewachsenen Offenheit, die neue Einflüsse mit der eigenen Herkunft versöhnt und sich dieser Tage unter dem Begriff Congotronics präsentiert. Beware The Fetish zeigt sich als Mischung aus ekstatischer Percussion (Xylophone, allerlei Trommeln), den Likembes (kreativ zusammengebastelten Lamellophonen), der unabkömmlichen E-Gitarre und einem im positivsten Sinne urtümlichen, vielstimmigen Dialoggesang. Weiterlesen »


Der Alltag von gestern – King Creosote

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Hierzulande werden die alle vier Jahre ausgetragenen Commonwealth Games kaum wahrgenommen. In den Ländern freilich, die einst Teil des britischen Weltreichs waren und noch immer lose mit Großbritannien verbunden sind, sind die Commonwealth Games ein Sportereignis allererster Güte. Dieser Tage werden sie wieder ausgetragen, diesmal im schottischen Glasgow. Und natürlich braucht solch eine Großveranstaltung auch ein Rahmenprogramm, einen regionalen und kulturellen Unterbau, der den Austragungsort in Szene setzt. Und so entstand die Idee zu dem Dokumentarfilm From Scotland With Love, der dem schottischen Alltagsleben vergangener Jahrzehnte nachspüren möchte. Das Scottish Screen Archive öffnete der Regisseurin Virginia Heath dafür seine Schatzkisten. Und bald wurde auch ein Singer-Songwriter gefunden, welcher diesen Bilder eine musikalische Seele einhauchen sollte. Der unter dem Namen King Creosote werkenden Schotte Kenny Anderson gab den Sequenzen des Films eine Geschichte. Im gegenseitigen Wechselspiel wurden die Bildercollagen von der Musik beeinflusst und zugleich die Songtexte auf die Filmaufnahmen zugeschnitten. Das Resultat präsentiert uns einen schottischen Alltag abseits touristischer Klischees.

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Zwischentöne für Austarierte – Luluc

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Dieser Blog schätzt ja die leisen, fast selbstvergessenen Zwischentöne besonders. Deshalb komme ich nicht umhin, mal wieder eine angenehm gedankenverlorene Indie-Folk-Platte zu empfehlen. Das mir bis dato unbekannte australische Duo Luluc hat mit ihrem in sich gekehrten Zweitwerk Passerby ein wahres Kleinod geschaffen, welches der wunderbar weichen Stimme der Sängerin Zoë Randell einen beschaulich wie pittoresk ausgestalteten Sound zur Seite stellt, der bei näherer Betrachtung weit mehr als nur die obligatorische Gitarre aufzubieten hat. Zusammen mit ihrem Partner Steve Hassett und dem Produzenten Aaron Dessner, seines Zeichens Mitglied der umjubelten The National, vermag Randell Lieder zu kreieren, die der Realität einen träumerischen Moment und der Fantasie einen rationalen Augenblick abgewinnen. Der Erfahrungshorizont von Passerby kennt sowohl ein zartes jugendliches Sehnen als auch die Ernsthaftigkeit des Erwachsenenlebens, ohne dabei forsch oder bitter anzumuten.

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Unter der Taucherglocke – UMA

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Euphorie sieht wohl anders aus, wenn man einem Album die Attribute gedämpft, aufgeräumt und nüchtern zur Seite stellt. Dabei meine ich das keineswegs als Herabwürdigung, im Gegenteil. Der Electro-Pop des deutsch-österreichischen Duos UMA besticht durch formalen Minimalismus, der nie langweilig gerät. Das selbstbenannte Debüt wirkt wie unter einer Taucherglocke aufgenommen, schippert dumpf dahin. Dabei gibt es sich angenehm leidenschaftslos. Wo sich Electro-Pop oft zwischen auf Anspruch getrimmter Discomusik und sterilem Eskapismus bewegt, forcieren UMA einen gedeckten wie melodisch-warmen Sound, welcher meist versonnen aus den Boxen flirrt.

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Lauschrausch LVIII: “Weird Al” Yankovic

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Die Parodie ist eine Kunst- und Unterhaltungsform, an der sich zwar viele versuchen, doch nur wenigen großen Scherzkeksen ist diese Begabung wirklich in die Wiege gelegt. Zu eben jenen zählt seit Jahrzehnten Weird Al” Yankovic, der schon in den Achtzigern mit großartigen Musikvideos wie Fat zu begeistern wusste. Die Parodie auf Michael Jacksons Bad nahm die im Original fast verherrlichte Gang-Kultur ordentlich auf die Schippe. In den Neunzigern vermochte Smells Like Nirvana den damaligen Grunge-Hype auf brilliante Weise zu sezieren, auch dieser Clip genießt zweifelsohne Kultstatus. Yankovic verstand es stets, popkulturelle Paradigmen herauszuarbeiten oder Lieder völlig aus dem Bedeutungskontext zu reißen. Aus Coolios Gangsta’s Paradise wurde so Amish Paradise, das die Vorzüge des fortschrittsverweigernden Lebens der Amischen berappte. Ebenfalls köstlich fällt seine Antwort auf Green Days American Idiot aus. Canadian Idiot suhlt sich in Unmengen an kanadischen Klischees: “Well maple syrup and snow’s what they export/ They treat curling just like it’s a real sport” oder “Sure they got their national health care/ Cheaper meds, low crime rates and clean air/ Then again well they got Celine Dion“.

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Musik für die Ernüchterten – Sivert Høyem

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In der musikalischen Saure-Gurken-Zeit des Julis lohnt sich der Blick zurück auf das, was im Frühjahr und dem Vorsommer so erschienen ist. Darum will ich heute auf den norwegischen Singer-Songwriter Sivert Høyem hinweisen, dessen Ende Mai veröffentlichtes Werk Endless Love keinesfalls so flauschig ist, wie es der Titel vielleicht vermuten lässt. Im Gegenteil, in den besten Momenten führt Endless Love Klage, leidet am Leben, spuckt starke Gefühle aus. Høyems Vortrag tingelt zwischen einem larmoyanten Rock-Barden und dem vom Piano beseelten Singer-Songwriter, auch countryhaft-bluesiger Gesang fehlt nicht.

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Photo Credit: Morten Andersen

Schon mit dem Titelsong Endless Love scheint die Zielrichtung des Werks deutlich. Hier werden nicht die Geigen in den Himmel gehängt und ewige Liebe beschworen, vielmehr der Augenblick besungen, wenn die Liebe geht und die Gewohnheit bleibt. Die Flamme der Leidenschaft hat ausgeflackert (“That’s right, I swore you endless love/ Endless love is not enough/ Now there’s a sobering feeling/ Now there’s a saddening sight/ That cool look in the mirror/ As you dress up for the night“). In solch Abgesang manifestiert sich die Grundstimmung des Album, nämlich eine ostentative Unzufriedenheit. Weiterlesen »


Verklärtheit und Hauruckgloria – Phoria

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Vor ein paar Wochen schon habe ich auf die im englischen Brighton beheimatete Formation Phoria hingewiesen, den NME zitiert, welcher den Sound als “breathtaking blend of whisper-like vocals and euphoric electronics” gelobt hat. Nun wurde dieser Tage die EP Display veröffentlicht. Und das erscheint mir Grund genug, den Namen Phoria nochmals mit einem dicken Ausrufezeichen zu versehen.

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Denn diesem seligen, andächtigen, weichgezeichneten, fast schmusigen Murmeln und Raunen steht ein filigraner, angenehm zerhäckselter Sound gegenüber, der schon mal in hymnischer Trance vergeht. Eine soulig verbrämte, meditative Unauffälligkeit plustert sich bei manchen Tracks zu triumphierender Ekstase auf. Solch Electronica erlaubt sich Pop-Einsprengsel, die glitzern und glänzen. Es sind wohldurchdachte Höhepunkte, sie gleichen imposanten Bergrücken, welche über einer sonst ruhigen, von sanftem Flirren schraffierten Soundlandschaft schweben. Aus dieser schlaftrunkenen, von Tautropfen benetzten Unwirklichkeit tritt eine freundliche Unruhe, ein Kriechen und Krabbeln, ein Perlen und Schimmern hervor, ehe dann hohe Synthiewände ins Blickfeld wabern. Weiterlesen »


Ein eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog – Holger Czukay

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Wenn Musiker und Bands eine Wiederveröffentlichung ihrer Alben von vor dreißig Jahren spendiert bekommen, oder oft auch selbst initiieren, dann wird in aller Regel mehr geklotzt denn gekleckert. Ein Remastering nach den Regeln der Kunst ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit, dazu wird das Werk von einst meist mit Demoversionen, Livemitschnitten und unters Mischpult gefallenen Tracks aufgefettet. Mitunter macht all das Sinn, zumindest für die eingefleischtesten Fans. Umso erstaunter war ich, dass mit Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome dieser Tage eine Zusammenstellung erscheint, die zwei Alben Holger Czukays auf ein einziges eindampft. Welch eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog eines großen Musikpioniers!

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Release Gestöber 56 (Malky, She Keeps Bees, Calypso Craze)

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Malky

Gegen intensiven Soul-Pop und retroesken R&B mit dem einen oder anderen an Moby erinnernden Einschlag ist wirklich nichts einzuwenden. Man würde das Duo Malky allerdings nicht unbedingt in Leipzig ansiedeln. Aber vielleicht muss ein alle Fettnäpfchen umgehender Soul gerade aus dem unvermutetsten Winkel kommen. Denn Soul und R&B sind dieser Tage vielfach glatt und trivial produziert, mit überkitschter Emotion und überkandideltem Geträller unterfüttert. Das Album Soon fällt dagegen angenehm tiefgründig aus, kennt keinerlei Effekthascherei. Wo besagte Genres gerne vor billigem Glitzerstein-Bling-Bling nur so funkeln und blinken, behängen Malky ihre Songs mit Samt und Seide. Soon gefällt als edle Platte, die der sanften, versunkenen Stimme Daniel Stoyanovs einen geschmeidigen Sound aus dezenten Streichern und Bläsern sowie eine warme Orgel und jeder Menge Motown-Seligkeit zur Seite stellt. Als ein Highlight des Werks kristallisiert sich der Titeltrack Soon heraus, der wie eingangs bereits erwähnt an introspektive, verträumtere Songs von Moby erinnert. Showdown wiederum verkehrt sich ins Gegenteil, überzeugt als rhythmisch starkes, schmissiges Lied, das im Refrain Feuer fängt. So sieht gediegene Radiofreundlichkeit aus. Das folgende Diamonds trägt eine ordentliche Portion soulige, balladeske Wehmut auf. Mit diesen drei Titeln stecken Malky ihr Metier ab. In der Folge ist es etwa das durchaus inbrünstig intonierte, im Eifer des Gefechts auch mal in ein schönes Krächzen verfallende Trouble, das zu imponieren weiß. Das schleppende, aus tiefster Seele glühende Babylon Tree beschert ebenso Gänsehaut. In Deutschland produzierter Soul hat mit wenigen Ausnahmen einen klebrigen Betroffenheitscharakter oder wirkt so billig, als wäre er für Casting-Shows ersonnen worden. Malky hingegen bescheren uns integre, stimmige wie gefinkelte Arrangements. Einmal mehr bei Beautiful Vacation, welches samt pulsierendem Beat in eine zärtliche Sehnsucht entschwebt. Spätestens mit diesem Song haben sich die Herren Stoyanov und Michael Vajna als stimmungsvolle Zauberer erwiesen. Wenn es mehr Alben wie Soon gäbe, würde ich auf meine Tage auch noch zum Soul-Fetischisten mutieren. Anhören und entdecken, unbedingt!

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Unsere Lieblingslieder 2014 – Ein Zwischenstand

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Wir haben uns auch dieses Jahr die Ohren wund gehört und so manch Lied hat sich als Balsam für die Gehörgänge entpuppt. Und was wir erst alles (noch) nicht erlauscht und erfühlt haben, weil gut Ding halt Weile braucht und die Zeit ohnehin verrinnt! Nun also zwanzig in loser Unordnung zusammengetragene Songs, die mich und die derzeit schweigsamere Co-Bloggerin in den letzten 6 Monaten bewegt haben.

Andreas DorauReden wir von mir

Begründung: Dorau liefert mit dem famosen Reden wir von mir eine großartige Parodie auf die gegenwärtige Selbstbezogenheit und bewahrt sich dabei eine Naivität, die man einfach knuddeln möchte. (Kurzrezension) [Album: Aus der Bibliothèque / 17.01.2014 / Bureau B]

Mikko JoensuuLand of Darkness

Begründung: Da ich momentan noch zu enthusiasmiert bin, überlasse ich die Einschätzung der werten Eva-Maria vom Polarblog, wo ich auch auf dieses wunderbare Lied gestoßen bin. Sie konstatiert: “Der Track ist ein feines, krautrockig ausuferndes Meditationsstück, dass den üpppigen 70er-Synthiewelten von Vangelis nahesteht. Aber Mikko Joensuu wäre nicht er selbst, wenn der Track nicht in eine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen wäre und der liebe Gott mit kindlichem Vertrauen angerufen würde.” (Hörtipp) [EP: Land of Darkness / Lake of Fire / 07.03.2014 / Fullsteam]

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