Songs von gestern und immer: All the Umbrellas in London

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Als Musikblogger ist man permanent von aktuellen Veröffentlichungen umgeben, vor lauter jetzigen Tönen vergisst man mitunter das Hören der Lieder und Alben, die die Leidenschaft für Musik erst begründet haben. Daher will ich ab jetzt vermehrt einen Blick auf die Songs von gestern und immer werfen.

Über The Magnetic Fields muss ich dem eingefleischten Musikfan wirklich keine Vorträge halten. Seit 24 Jahren schon fabriziert Mastermind Stephin Merritt feine Indie-Pop-Perlen von ausgesucht textlicher Raffinesse. So etwa beim 1999 veröffentlichten, drei CDs umfassenden Klassiker 69 Love Songs. Merritt vermag die ganze Klaviatur von Beziehungszuständen auszureizen, er wuppt ironische Brechungen, er kennt Larmoyanz ebenso wie bedauerndes Schulterzucken, er reicht Gefühle in pittoresker Schönheit dar. Wer Liebe in all ihren Facetten begreifen möchte, sollte keine Ratgeber oder aufgeplusterte Romane lesen. Merritts Schaffen zu durchforsten, das reicht völlig. Doch sind den Magnetic Fields keinerlei menschliche Regungen fremd. Weiterlesen »


Schlaglicht 2: The Fireworks

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Garage meets Indie-Pop und irgendwie schleicht sich noch ein naseweiser Punk in dieses quirlige Trara. So tönt die britische Band The Fireworks, die in puncto Dynamik und Überraschungsmoment ihrem Namen alle Ehre macht. Ihre kurzen, knackigen Songs gleichen Partys, die sofort zur Sache kommen, bei denen der Raum binnen Kurzem in Alkohol und Konfettis getränkt scheint und sämtliche Gliedmaßen allerlei Verrenkungen huldigen. In dieser Manier klingt das am 10. Februar erscheinenden Albumdebüt Switch Me On, zu dem sich prima eine kesse Sohle aufs Parkett legen lässt. Weiterlesen »


Schatzkästchen 4: Leonore

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Vorhang auf und Applaus für ein Trip-Hop-Dream-Pop-Chanson der allerersten Güte! Leonore nennt sich die im belgischen Brüssel angesiedelte Band rund um eine anbetungswürdig belegte Stimme namens Chloë Nols. Frau Nols tönt gleich einem Engelchen mit Hustenbonbon im Mund, das mal mit Karacho über die Wolken prescht und dann wieder waidwund und elegant übers Wattemeer spaziert. Anfangs wummert ein langsamer Beat dahin, ehe ein vorwitziges Piano dazwischengrätscht und im Verlauf Gitarredämpfe aufsteigen und der Rhythmus letztlich einen Affenzahn zulegt. An musikalischem Pep mangelt es also auch nicht. For You heißt dieser Track, den man einfach gehört haben muss. Für den Herbst dieses Jahres ist ein Debütalbum angekündigt. Weiterlesen »


Peter Doherty – Flags of the Old Regime

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Seien wir doch ehrlich. Selbst die leidenschaftlichsten Fans von Peter Doherty würden diesem neben Wahnsinn und Genie auch eine große Portion Egozentrik unterstellen. Der werte Herr, der für mich immer das Ausnahmebürschchen Pete bleiben wird, hat mich schon immer fasziniert, auch weil er dank Ruhm, Geld und Drogen immer mit einem Fuß über dem Abgrund zu taumeln scheint und dennoch seit Jahr und Tag großartige Musik macht. Und allmählich gewinnt man fast den Eindruck, dass nicht Doherty im Sumpf, sondern der Sumpf in Doherty strampelnd feststeckt. Doherty mag Enfant terrible und Exzentriker sein, Gefühllosigkeit darf man ihn jedoch keinesfalls attestieren. Das unterstreicht die Anfang März erscheinen Ballade Flags of the Old Regime, die der 2011 verstorbenen Amy Winehouse Tribut zollt. Dieses Lied erzählt von einem Scheitern im Rampenlicht, von der Last der Bekanntheit, von innerer Zerbrochenheit, von einer Abgestumpftheit gegenüber dem eigenen Tun. Es ist ein toller, einfühlsamer Song, dem man Dohertys aufrichtigste Verbundenheit gegenüber Amy Winehouse jederzeit anmerkt! Die Erlöse der Single werden der Amy Winehouse Foundation zugutekommen.

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Schatzkästchen 3: C Duncan – Say

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Ich habe eine Schwäche – gut, vielleicht auch mehrere -, zumindest aber eine spezielle musikalische Achillesferse, die von dem Track Say des in Glasgow beheimateten Musikers C Duncan gnadenlos ausgenutzt wird. Ich schätze schleicherische, versponnene Rhythmen, die in Schwaden aus einer Art Zwischenwelt ans Ohr driften. Wenn ein Sound noch im Nirgendwo von Traum und Wachheit verhaftet scheint, bin ich ganz und gar entzückt. Say ist so ein Musterstück, zwischen dösendem Downtempo und andächtigem Kammerpopcharme angesiedelt, voll rätselhafter Verlockung dargeboten. Der werte Kollege Nico hebt vor allem die verführerische Komponente des Grooves hervor: “Vielleicht sollte die Spinne Thekla bei der Biene Maja lieber diesen Song spielen, als zu versuchen, ihre Opfer mit ihren Violinenkünsten zu verzücken. Der Erfolg wäre ihr sicher.”. Weiterlesen »


Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

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Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

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Mit Musik gegen PEGIDA

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Ich habe etwas gegen Kleingeistigkeit. Und gerade die montäglichen PEGIDA-Märsche machen deutlich, wie unter dem Deckmäntelchen der Empörung über Missstände die eigene Borniertheit regelrecht zelebriert wird. Mein Problem mit PEGIDA ist von grundsätzlicher Natur. Sie demaskiert sich als Bewegung, die außer schriller Hysterie (Lügenpresse!) und dem eigenen Anspruch auf einen Platz in den Geschichtsbüchern (Wir sind das Volk!) nichts anzubieten hat. Vor allem keine Argumente. PEGIDA steht für tumbe Unzufriedenheit, die sich brachial und pauschal gegen gewisse Gruppen der Gesellschaft wendet. Die Kaste der Politiker, die Medienclique, das linke Gutmenschentum und natürlich der Islam wurden als Feinde ausgemacht. In der Rhetorik folgt man altbekannten Mustern, ein Einzelfall wird zum Beispiel für die Verlottertheit des Systems umgedeutet. Aufgrund einzelner journalistischer Fehlleistungen, man denke an diese leidige Geschichte mit dem Undercover-Reporter von RTL, wird allen Massenmedien jedwede Objektivität abgesprochen. Nach dieser Logik rücken auch die vereinzelten Fälle sich bereichernder Politiker gleich alle Volksvertreter in ein schiefes Licht. Und eine kleine Gruppe von Islamisten reicht für einen Generalverdacht aus, nämlich dass der Islam das deutsche Wesen unterminieren will.

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Ohne Kern ist alles nur Brei! (Warum müssen Liedtexte nichtssagend sein?)

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Ich zähle mich eigentlich nicht zu den reflexhaften Raunzern, die zwar allen Unfähigkeit unterstellen, der Welt dabei die eigene Fähigkeit vorenthalten. Ich fühle mich weiters nicht den Kulturpessimisten zugehörig, die da meinen, dass früher alles besser gewesen wäre, während nun die Dekadenz um sich greife und alles samt und sonders den Bach runtergehe. Ich empfinde auch meine persönliche Wahrnehmungsfähigkeit keineswegs als eingeschränkt. Und trotzdem nagt in mir der Verdacht, dass Musik oftmals die Ambition abhandengekommen scheint, gesellschaftliche Zustände zu reflektieren. Wo sind im Jahre 2015 die Alben, die Dystopien entwerfen? Wo sind die Platten, die gesellschaftlichem Unbehagen eine Stimme und ein Plattencover geben? Wo sind die neuen Musiker und Musikerinnen, die Snowden und die Überwachung à la Orwell thematisieren? Wo blüht eine Kapitalismuskritik bei Singer-Songwritern auf, die über ein bestenfalls dumpfes Unbehagen oder eine Idealisierung des einfachen Lebens hinausgeht? Wo wird der Fortschritt auf etwaige Fehlentwicklungen (Gentechnik) hin abgeklopft?

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Musikvideo: Noel Gallagher’s High Flying Birds – Ballad Of The Mighty I

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Fassen wir zusammen: Ein grummeliger Noel Gallagher wird vom vermeintlichen Regisseur des Videos noch kurz instruiert und mit einem Selfie malträtiert, ehe er durch eine abgerockte Vorstadtszenerie spaziert und von einer barfüßigen und auch sonst nicht eben dick eingemummten jungen Frau angerempelt wird. Er folgt ihr zum einem Fluss, an dessen Ufer die verhärmte Junkie-Braut doof in der Gegend rumsteht. Gallagher, ganz Gentlemen, reicht ihr seine Jacke und schlendert weiter, bis er in eine wohl ehemals von Handwerk und Industrie geprägte, ebenfalls heruntergekommene Straße kommt, wo ein paar Schuhe von Telefon- oder Stromleitungen baumeln. Vor einem Bekleidungsgeschäft stibitzt er sich im Vorbeigehen eine Jeansjacke. Nun sieht der Bursche in seiner roten Hose und der ebenso eng geschnitten Jacke endlich wie die coole Sau aus, die er nun mal immer war und heute noch ist. Weiterlesen »


Schlaglicht 1: Adna

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Die langgedienten Bloggerkollegen werden dies kennen: Wenn man sich nämlich bei der Frage ertappt, ob man eine Sängerin oder Band eigentlich schon einmal auf dem Blog entsprechend gewürdigt hat. Und beim Kramen in den Tiefen der Blogvergangenheit stößt man dann vielleicht nur auf einen Nebensatz aus dem Jahre Schnee. Die neue Kategorie Schlaglicht soll Musikerinnen beinhalten, über die ich längst schon schreiben wollte und die ich auch zukünftig im Auge behalten möchte. Heute sei auf die in Berlin lebende Schwedin Adna verwiesen.

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Photo Credit: Marcus Nyberg

Skandinavische Singer-Songwriterin tragen oft ein zerrüttetes Gemüt zur Schau. Da blickt man in Gesichter, die von 1000 Jahren Regenwetter gegerbt scheinen. Auch Adna ist eines dieser Geschöpfe skandinavischer Tristesse. Sie imponiert durch berückende Fragilität, pickt sich Emotionen aus der Seele. So etwa beim Song Night von ihren gleichnamigen Debüt. Pianoballaden stehen ihr gut, sie geistert in ihnen herum, mal tönt sie von fern als schwarz-weiße Kontur, mal schimmert sie in feierlichem Kerzenschein. Weiterlesen »