Begnadetes Alterswerk einer Ikone – Marianne Faithfull

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Die Ikonen von gestern taugen oft nur als belächelte Relikte, die in der Gegenwart dahinvegetieren und als Mahnmal der Vergänglichkeit durch eine indignierte Öffentlichkeit vagabundieren. Was wurde eigentlich aus…? ist eine Rubrik, die im besten Falle Nostalgie, im schlimmsten Falle Betroffenheit erzeugt. Umso erfreulicher erscheint es mir, wenn eine der spannendsten, biographisch gebeutelsten Figuren der Musikszene im zarten Alter von 67 Jahren eine ganz starke Platte veröffentlicht, die Logik einstigen Ikonentums somit durchkreuzt. Marianne Faithfull ist mit Give My Love to London ein reifes Alterswerk gelungen, das mit Beiträgen aus dem Who’s who der Musikergilde aufwarten kann. Nick Cave, Anna Calvi, Roger Waters, Tom McRae, Leonard Cohen und Steve Earle haben dem Songwriting dieser Platte Leben eingehaucht. Doch hat die Crème de la Crème nicht nur Songs beigesteuert, mit Adrian Utley (Portishead), Ed Harcourt, Warren Ellis (Dirty Three, Nick Cave and the Bad Seeds) stand jede Menge musikalische Kompetenz im Studio zur Verfügung. Sogar ein Brian Eno hat für Backing Vocals vorbeigeschaut. Produziert wurde das Album von Rob Ellis, dem Leibproduzenten von PJ Harvey, und Dimitri Tikovoi, der in der Vergangenheit etwa Placebos Meds unter seine Fittiche genommen hat. Wem angesichts all der Namen der Kopf schwirrt, sollte sich schlichtweg merken, dass bei Give My Love to London mehr als nur ein goldenes Händchen Hand angelegt hat. Und doch wäre alles Zutun Schall und Rauch, würde Faithfulls mal kratzig-intensiver, mal knorrig-abgeklärter Vortrag nicht zünden. Das aber tut er.

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Harte Schale, Wiener Kern – Wanda

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Vor ein paar Wochen schon habe ich das sagenhafte Debüt der Wiener Formation Wanda über den grünen Klee gelobt und als fehlendes Verbindungsglied zwischen Austropop und Indie-Rock bezeichnet. In der Begeisterung hatte ich gar gemutmaßt, dass ein Pete Doherty, wenn er denn mit Wiener Schmäh anstatt britischer Rüpelhaftigkeit sozialisiert worden wäre, wohl allzu gern mit den Jungs von Wanda musizieren würde. Gerade in den letzten Jahren haben sich einige pfiffige österreichische Bands dadurch verdient gemacht, dass sie dem Vakuum zwischen gediegener Hochkultur und provinzieller Volksmusikalität jede Menge frischen Wind einhauchen. Mit dem Album Amore läuten Wanda endgültig eine Renaissance des Austropop ein, der seit den Siebzigern und Achtzigern doch nur noch in der nostalgischen Erinnerung bestand. Was mir an dieser Platte so imponiert, ist die spezielle österreichische Mentalität, jene Melange aus suderndem Überschwang und lässigem Schlawinertum. Kraftvolle Emotion trifft hier auf die morbide Wiener Seele, der herbe Charme des Gemeindebaus auf das ganz große Leben.

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In einer unterdrückten wie rebellischen Zukunft – Warm Graves

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Man nehme die Unangepasstheit des Krautrock, die ausufernde Imposanz von Pink Floyd, die rätselhafte Aura des Ambient, vermenge dies mit Ritualtanzästhetik und stelle diesem mächtigen Soundgewitter einen Chor entgegen, der seinerseits wie eine Mischung aus griechischer Tragödie und sakraler Inbrunst sowie einem die Internationale intonierenden Arbeitergesangsverein erinnert. Wem diese Beschreibung die Neugier in die Ohren treibt, der sollte die Formation Warm Graves für sich entdecken. Die Tracks des demnächst erscheinenden Debüts Ships Will Come funktionieren zwar allesamt fast nach dem selben Muster, jenes aber ist verdammt clever gestrickt.

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Bestandsaufnahme eines Tausendsassas – PeterLicht

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Das perfekte Konzert? Begeistert es durch die Wortlosigkeit zwischen den einzelnen Liedern, durch einen puristischen Fokus auf Musik, der keinerlei Small Talk erlaubt? Oder zeichnet sich ein Konzert dadurch aus, dass der Musiker zum Entertainer mutiert, der den Flickenteppich der Lieder zu einem großen Ganzen moderiert? Beide Extreme vermögen mitunter zu überzeugen. Problematischer dagegen erscheint ein Wischiwaschi dazwischen. Was für Konzerte gilt, verhält sich bei Live-Alben auch nicht anders. Ich bin nicht unbedingt der größte Verfechter von Konzertmitschnitten. Dieser Tage jedoch wurde angesichts der Doppel-CD Lob der Realität schwach, denn sie nicht weniger als das, was ich mir unter gelungenem wie unkonventionellem Einfangen von Live-Atmosphäre vorstelle. Und das ausgerechnet von PeterLicht, der vielleicht unnahbarsten Gestalt des deutschen Pop. PeterLicht treibt die Ambivalenz von öffentlicher Person und privater Existenz auf die Spitze. Er ist der, der in einer durchmedialisierten Zeit seinem Tun kein Gesicht gibt. Er ist der, der Anonymität als Markenkern definiert hat. Der das Spiel des Musikgeschäfts mitspielt – doch nach seinen eigenen Regeln. PeterLicht scheint nicht nur unnahbar, sein Schaffen ist ebenfalls schwer fassbar. Er gibt einerseits den Autor, der sich in die Niederungen des Ingeborg-Bachmann-Preises herablässt, macht andererseits Pop mit politischer wie auch zur Groteske neigender Singer-Songwriter-Attitüde. Dass er am Anfang der Karriere gleich mit Sonnendeck einen unvermuteten Hit verbuchen konnte, mag all die Dinge erst ermöglicht haben. Lob der Realität gerät somit zur Bestandsaufnahme eines Vielseitigen.

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Release Gestöber 61 (The Dø, SPC ECO, Snøffeltøffs)

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The Dø

Das französisch-finnische Duo The Dø hat meiner bescheidenen Meinung nach einen fantastischen Electro-Pop-Song namens Keep Your Lips Sealed fabriziert. Dieser Track erinnert an Ladytron, tönt jedoch undergroundiger: Wie eine dumpfe Synthie-Wolke über dem Refrain wabert, den aufmüpfigen wie sinnlichen Gesang von Olivia Merilahti kontrastiert, das zählt zu den besten Momenten dieses Musikjahres. Dass es sich bei Keep Your Lips Sealed um keine Eintagsfliege handelt, belegt der ebenfalls dem in Bälde veröffentlichten Album Shake Shook Shaken entnommene Song Miracles (Back in Time). Auf das Album bin ich durch die geschätzte bloggenden Kollegin Eva-Maria aufmerksam geworden, die The Dø derart beschreibt: “Mit katzengleicher Geschmeidigkeit manövrieren sie sich durch Nebenräume von Pop, Elektronik, Clubszene und urbane Schauermärchen.”. Das Duo tingelt in den nächsten Wochen durch deutsche Clubs, diese Auftritte – und natürlich auch das Album – sollte man sich nicht entgehen lassen!

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Der Triumph der Geschichte, das zweite Kapitel – Oasis

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(What’s the Story) Morning Glory? verdeutlicht einen Triumph der Geschichte. Als Oasis ihren Zweitling im Oktober 1995 veröffentlichten, wurde das Werk von einigen Musikkritikern geschmäht. Zumindest aber in seiner Strahlkraft hoffnungslos unterschätzt. In der britischen Zeitung The Independent wurde Noel Gallagher gar als diebische Pop-Elster bezeichnet. Im reputablen Melody Maker wurde die Besprechung der Platte mit der Überschrift “Tale Ending?” eingeleitet und mit den Zeilen “So what’s the story? Lots of moments, but too many quarters of an hour in between. Oasis are fallen, fallen short of the stars. They sound knackered.” beendet. Doch natürlich klangen Oasis auf dem Album nie und nimmer geschafft oder erschöpft. (What’s the Story) Morning Glory? sollte gar zum Referenzwerk des Britpop geraten. Wo die Musikkritik damals also jämmerlich versagt hat, vermag die historische Einordnung dieser Platte mit der angemessenen Ehrfurcht zu begegnen. Was einst wie ein Strohfeuer wirkte, entpuppt sich in der Rückschau als großes Feuerwerk. Bis heute ist diese Scheibe unter den Top 5 der meistverkauften Alben in Großbritannien. Mit Recht!

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Altersstarrsinn lohnt! – Erasure

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Erasure sind sehr lebendige Relikte. Ihr überwiegend für den Tanzboden ersonnener Synthie-Pop hat sich in der mittlerweile fast 30 Jahre währenden Karriere als ausgesprochen konsistent erwiesen. Sie sind meist bei dem geblieben, was sie ohrenscheinlich am besten können. Auch als der Zahn der Zeit die großen Chartserfolge weggenagt hat, haben die Herren Andy Bell und Vince Clarke nicht an der eigenen Attitüde gezweifelt. Kontinuität – verbunden mit einer gewissen geistigen Frische – lässt Erasure vergleichsweise gut altern. Bells Organ tönt noch immer glockenklar wie am ersten Tag und auch Clarke sind die zündenden Ideen nicht ausgegangen. Dem mittlerweile 16. Studioalbum The Violet Flame gelingt es somit einmal mehr, leidenschaftlich übers Tanzparkett zu fegen. Viele der Acts von vor 25 Jahren haben das Pferd lange schon totgeritten, dieses Duo hingegen schafft es noch immer, ein Ja zum Leben, weltumspannende Verbundenheit sowie Liebesleid und Liebesfreud zu zelebrieren.

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Die 10 Alben, die mich am meisten bewegt haben

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Der sehr geschätzte Kollege Nico hat mich auf seinem Blog und via Facebook nominiert, jene zehn Alben zu nennen, die mich im Laufe meines Lebens am meisten bewegt haben. Gern komme ich dieser Aufforderung nach und benenne diese. Ich tue mir dabei gar nicht einmal besonders schwer, denn obwohl sich diese 10 Platten vielleicht nicht gänzlich mit meinen ewigen Lieblingsalben decken, so hat es doch immer wieder Platten gegeben, welche mir zu einem gewissen Zeitpunkt richtig ans Herz gewachsen sind und für die ich mich auch heute noch keinesfalls schämen muss. Ich will kurz und chronologisch erläutern, warum ich genau diese Werke gewählt habe.

Bruce SpringsteenNebraska (1982)

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Zusammen mit Japanese Whispers von The Cure war Springsteens Nebraska Ende der Achtziger meine allererste Vinyl-Platte. Dieses reduzierte, folkige Singer-Songwriter-Album hat einerseits meine Liebe zu Underdogs für immer einzementiert und mich weiters auch dahingehend geprägt, dass ich Storytelling so liebe.

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Release Gestöber 60 (Blockhead, Wanda, Gus By Heart)

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Blockhead

Treue Leser dieses Blogs werden über die Jahre vielleicht schon bemerkt haben, dass ich ein großer Fan von Blockhead bin. Der US-Amerikaner ist ein Sample-Guru und Downtempo-Virtuose, dessen Platten stets einen uneingeschränkten Genuss darstellen. Anlässlich seines vorangegangenen Albums Interludes After Midnight schrieb ich dies: “Wie kaum ein anderer zimmert er Hip-Hop-Beats, gibt der Chose eine oft funkig austarierte Note, erweckt allerlei Vocal-Samples zum Leben. Wo Electronica oft in steriler Tüftelei vergeht, wirkt sein Tun überaus quirlig, hemdsärmelig gezimmert, mitunter aus der Zeit gefallen und dennoch keineswegs altbacken.” Ich nannte die Platte damals einen Trip durch den urbanen Dschungel. Demnächst steht nun mit Bells and Whistles ein neues Werk zur Veröffentlichung an. Und doch ist nicht alles eitel Wonne. Denn diesmal wird Blockhead sein Album in Eigenregie veröffentlichen. Die Gründe für das keinesfalls bittere Ende der Zusammenarbeit mit dem renommierten Label Ninja Tune hat er auf seinem Blog dargelegt. Ninja Tune habe sich nach fünf Alben dagegen entschieden, Bells and Whistles herauszubringen, da ein mit Samples gespicktes Album viele Probleme berge. Auch andere Plattenfirmen hätten deshalb abgewunken. Blockhead erklärt dies so: “While I’d argue that the stuff I’m using is pretty obscure, I can’t blame labels for being hesitant. After all, the way they make money off music in 2014 is by licensing songs for tv, movies and commercials. When a song is chock full of samples (as mine tend to be) that severely limits what these labels can do with your music.” Längst sind es nicht mehr Plattenverkäufe oder gar Streams, die ein wenig Kleingeld in die Kassen spülen. Die Lizenzierung eines Track für TV, Fernsehen oder Werbung ist eine der verlässlichsten Geldquellen. Wenn jedoch ein Musiker eine Menge Samples benutzt, wäre das rechtlich äußerst heikel. Weiterlesen »


Ohne evangelikales Frohlocken – Xenia Kriisin

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Gospel-Chöre im Pop sind eigentlich nur selten eine gute Idee. Weil sie die Chose entweder ganz und gar überschmalzen oder aber mit allerlei Erweckungstamtam um die Ecke kommen. Im Falle der Schwedin Xenia Kriisin wirkt der bei vielen Liedern vorherrschende Chorgesang jedoch stimmig. Hymn, der Titel ihrer Platte, ist somit programmatisch zu verstehen. Aus allerlei folkloristischen und eben gospeligen Elementen sowie Anleihen bei Leslie Feist und Ane Brun formt Kriisin schimmernde Balladen, tröstliche Erbauungsmusik und percussionlastigen Kunstpop. Doch so sehr man diesen stimmungsvollen Sound sogleich mögen kann, so undurchdringlich entpuppen sich zunächst die Texte. Sie offenbaren einen eigentümlichen Mix aus der Beschäftigung mit dem Lebensende, religiöser Schwärmerei und einer apokalyptischen Gott-ist-tot-Klage. Wer nun den Braten zu riechen glaubt, dem sei versichert, dass es sich um keinen plump-christlichen Pop handelt, der die Last des Lebens immer mit dem Verweis auf Jesus vom Tisch wischt. Denn solche Art von Musik geht selbst mir als Katholiken mächtig gegen den Strich.

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