Release Gestöber 52 (Papercuts, Yesterday Shop, Marissa Nadler)

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Papercuts

Der in San Francisco beheimatete Musiker Jason Quever ist mit seinem feinen Projekt Papercuts schon lange Stammgast auf unserem Blog. Deshalb freut es uns sehr, dass nach dem wunderbaren Fading Parade (2011) nun mit Life Among The Savages endlich, endlich ein neues Album ansteht. Die ersten Vorboten der Platte, die Single Still Knocking At The Door sowie der Titeltrack Life Among The Savages, lassen auf einen melancholischen, wohlig warmen Sound schließen, der von der seligen Indie-Pop-Luftigkeit des Vorgängerwerks in ein bisschen erdigere Gefilde driftet. An Quevers Händchen für sanfte, versonnene Melodien scheint sich jedoch nach wie vor nichts geändert zu haben. Welch Grund zur Vorfreude!

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Nicht weniger als ein Wunder – Paolo Nutini

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Wenn heute jemand übers Wasser gehen würde, würden wir nicht von einem Wunder sprechen, Zyniker und Besserwisser würden den Trick zu durchschauen trachten, zumindest aber Abzüge in der Haltungsnote erteilen. Ich versuche mir ein Staunen zu bewahren. Und den Glauben daran, dass es Talente gibt, die auch durch harte Arbeit nicht allein erklärbar sind. Paolo Nutinis Stimme etwa ist ein Wunder. In der Facettenhaftigkeit nicht zu erklären. Mal singt er samtweich croonend, dann wieder altersweise und alkoholdurchtränkt, er tönt funky und schwarz, beherrscht gewiss auch das folkige Singer-Songwritertum. Der Schotte ist die überragende sängerische Gestalt der Gegenwart, ein Otis Redding unserer Zeit. Man könnte sich sogar dazu versteigen, dass manche Lieder der neuen Platte durchaus so klingen, als wären sie der verstorbenen Amy Winehouse aufs Pult gelegt. Caustic Love ist ein erstaunliches Album voller Soul, welches all das – auf zugegeben andere Art und Weise – einlöst, was sich in den fünf Jahren seit Sunny Side Up an Erwartungshaltungen angestaut hat.


Ich muss Sunny Side Up das größtmögliche Kompliment aussprechen. Da ich mich erfreulicherweise ständig mit neuer Musik konfrontiert sehe, landen viele feine Platten alsbald in den hinteren Winkeln im Regal, werden seltener gehört. Sunny Side Up zählt freilich zu den Werken, die ich heute öfter höre, als ich das noch vor fünf Jahren getan habe. So sehr gefallen mir Songs wie Tricks Of The Trade, Worried Man oder Candy. Meine seit 2008 geführte Last.fm-Statistik weist Herrn Nutini auf Platz 6 aus. Davor finden sich ausschließlich Musiker und Bands, die in dieser Zeit viel mehr Scheiben veröffentlicht haben. Nutini hat mich als Fan nun einige Zeit zappeln lassen. Doch wenn ich mich salopp als Fan bezeichne, muss ich auch einräumen, dass die liebe Co-Bloggerin noch ein größerer Fan des ausgemachten Sympathieträgers ist. Trüge sie das Groupie-Gen in sich, es käme bei Nutini zum Vorschein. Und dank Caustic Love mehr denn je!

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Tagebuch eines Stehaufmännchens – Eels

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Eels 2 ©PiperFerguson

Photo Credit: Piper Ferguson

Es gibt Platten, die musst du suchen, andere finden dich – und mit manchen wieder hast du bereits eine Verabredung, obwohl sie noch als ungelegte Eier im Kopf des Künstlers schlummern. Zu solch einem Rendezvous treffe ich mich mit den Alben, die Mark Oliver Everett mit seinem Projekt Eels fabriziert. Everetts Historie als Stehaufmännchen ist gut dokumentiert, familiäre Schicksalsschläge haben seinem Leben den Stempel aufgedrückt. Ein typischer Song aus Eels’scher Feder trägt Traurigkeit in sich, vergrübelt sich in Vergangenes und Zukünftiges, hängt verpassten Gelegenheiten und verlorenen Lieben nach, kratzt allen Optimismus zusammen und vergewissert sich dabei, noch bei Verstand zu sein. Everett vermag die Schattenseiten menschlicher Triebe abzubilden, zugleich illustriert er oft auf wunderbare Weise die zerbrechliche Kostbarkeit menschlichen Seins. Auch von diesen Dingen weiß das jüngste Werk The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett das eine oder andere Lied zu singen.

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An der Schnittstelle zum Zeitgeist-Trigger – Robots Don’t Sleep

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Downtempo meets Pop meets Gospel, so behelfsmäßig könnte man zusammenfassen, was der deutsche Produzent Robot Koch zusammen mit dem US-Sänger John LaMonica unter dem Namen Robots Don’t Sleep ersonnen haben. Mirror ist eine Platte an der Schnittstelle, sie ist ob ihre klar zugeschnittenen Melodien voller Verve auch Hörern des Mainstream-Pop zuzumuten, zugleich wird die sachte Electronica auch denjenigen keineswegs sauer aufstoßen, die Charts-Kram sonst so fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Nun klingt Schnittstelle natürlich fein, weniger wohlmeinende Gemüter würden eher von einem Konsensalbum samt dem einen oder anderen faulen Kompromiss sprechen. Doch erscheint mir Mirror gelungen, weil es aus dem gedimmten Halbdunkel heraus funkelt, nie das grelle Scheinwerferlicht sucht. LaMonica singt oftmals mit sanftem Flüstern in der Stimme, doch hat der gedämpfte Ausdruck keinen soften, schnuckeligen Schlafzimmerblick im Sinn. Die handfesten wie berechnenden Hintergedanken, mit der uns Massenmusik um den Finger wickeln möchte, sind dieser Platte fremd.

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Argentina, die Luftgitarre und ich – Tokyo Police Club

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Ich bin in den letzten Wochen immer wieder über so manch durchwachsene Rezensionen zu Forcefield, dem neuen Werk der kanadischen Indie-Rock-Formation Tokyo Police Club, gestolpert. Vielen Besprechungen war der Tenor gemein, dass man sich doch so einiges erwartet hätte, was Forcefield letztlich nicht (ganz) einzulösen vermochte. Irgendwann wurde es mir dann zu bunt und ich holte die CD vom Stapel der bislang ungehörten Platten. Bislang war mir Tokyo Police Club nämlich nur dem Namen nach ein Begriff gewesen. Eine nähere Bekanntschaft wurde meinerseits nie wirklich gesucht. Nun aber, ein paar Hördurchläufe später vermag ich durchaus nachzuvollziehen, warum Exclaim! in einer der positiveren Reviews der Scheibe folgendes attestiert hat: “Forcefield strips down the Tokyo formula to its most basic components of guitar riffing, a strong sense of melody and a brilliant ear for unforgettable hooks, which has birthed some of their finest work yet.”

Wenn ein Album gerade einmal 33 Minuten und ein paar Zerquetschte zählt und allein der Opener schon achteinhalb Minuten dauert, dann steht und fällt natürlich alles mit diesem prominent platzierten Track. Tatsächlich gerät Argentina (Parts I, II, III) zur Großtat von Forcefield, zum triftigen Grund der Freude. Es atmet etwas von der ungestümen Unbeschwertheit, wie man sie etwa zu Studienzeiten erlebt. Bietet dabei so einige Hooks, an denen man sich ergötzen darf. Ohne Zögern greift man zur Luftgitarre. Von wildem Garage-Rock verfällt der Song unerwartet in luftig-leichte Nostalgie, Boy-meets-Girl-Irrungen geraten zu Hymnen an die Jugend, von nirgendwo her schlittern im Verlauf Synthies in die mit markanten Riffs punktende Gitarrenherrlichkeit. Der Track gleicht einer mit der Extraportion Alkohol verfeinerten Bowle, während deren Verzehr die verschiedensten Früchtchen zum Vorschein kommen. Weiterlesen »


Liederpoetin mit Courage und Vorwitz – Illute

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Unerschrockenheit ist Teil des musikalischen Seins. Viele Mozarte und Dylans sind vielleicht nie aus ihrem stillen Kämmerlein hervorgekommen, haben nie eine Bühne geentert und ihr Talent der Öffentlichkeit preisgegeben. Auch wenn es heutzutage leichter ist, der Upload eines Liedes auf SoundCloud keine Hexerei scheint, das anonyme Verschanzen hinter der Musik möglich wurde, braucht es noch immer ein Mindestmaß an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Lieder in die Auslage zu stellen. Im Falle der deutschen Liedermacherin Illute fühle ich oft diesen speziellen Unterton in der Stimme, wenn sich ihr Gesang an der Grenze zum Kieksen befindet, so als lache sie in sich hinein, ungläubig darüber, dass sie macht, was sie macht. Illutes Alben ist ein “Ich traue mich!” anzumerken, aber keinesfalls die Sorte verschämter, unsicherer Mut, eher schon ein gewisser Stolz, ihre Songs präsentieren zu können. Das wirkt sympathisch, auch auf ihrem neuesten Werk So wie die Dinge um uns stehn.

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Knabberzeugs für Hartgesottene – TWISK

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Blasiert, distanziert, nüchtern. Die Adjektive, die mir zum Hamburger Duo TWISK so in den Sinn kommen, sind auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft. Bei näherer Betrachtung jedoch haben sich Lennart Thiem und Martina Lenzin der Dekonstruktion musikalischer Klischees verschrieben. Ihr Werk Two ist spröde, dümpelt dünkelnd vor sich hin. Das Album versteht sich als Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock, es dringt aus den Katakomben des Untergrunds zu uns, wo TWISK als wackere Partisanen die Würde der Musik hüten. Dort geben sie sich ein High five mit der Tristesse.

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Lauschrausch LII: Yppah

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Wer – so wie meine Wenigkeit – auf in Traumhaftigkeit schwelgende Electronica abonniert ist, möchte den US-Amerikanier Yppah nicht missen. Anlässlich der letzten Platte Eighty One attestierte ich dem hinter Yppah steckenden Herrn Joe Corrales Jr. die virtuose Fähigkeit, Budenzauberszenerien zu entwerfen. Wird man dann eins mit seinem Werk, “winden sich Schauer kindlichster Erregung durch die Glieder, gerät man zum glückseligsten Teil des Spektakels.” Was auf Eighty One gemünzt war, lässt sich generell über sein freudvoll-magische Œuvre sagen. Musik und Fröhlichkeit sind bei Yppah eine verschworene Einheit. Ein Titel seiner 2009 erschienen Platte They Know What Ghost Know hieß damals A Parking Lot Carnival – und auf gewisse Weise darf man sein gesamtes Schaffen unter diesem Motto verstanden wissen. Dieser Tage nun hat der Klangschmied völlig unvermutet einen neuen Track namens Bushmills vorgestellt. Ich werte selbigen als Vorboten eines hoffentlich baldigen neuen Albums. Und freue mich. Weil der Budenzauber auch bei Bushmills in jeder Sekunde blinkt und funkelt. Welch Lauschrausch!

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Stippvisite 06/04/2014 (Weiterhin unsexy!)

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Es gibt mehrere Möglichkeiten im Netz nach Beachtung zu heischen.

Aufopfernde Gutmütigkeit: “Ich habe heute ein Kätzchen vor einem herannahenden Auto gerettet, mir dabei aber einen Schuhabsatz und einen Fingernagel abgebrochen.

Saftige Stammtischempörung: “Kinderschänder gehören an die Wand gestellt und erschossen. Und anschließend sicherheitshalber noch kastriert.

Bahnbrechende Rezepttipps: “Ich habe ein sagenhaftes Rezept für veganes Coq au vin gefunden. So lecker – und noch dazu ohne Kalorien!

Abgefeimte Häme: “Markus Lanz mag zu Beginn der Traum aller Schwiegermütter gewesen sein. Zuletzt hat wohl aber nur noch seine eigene eingeschaltet.

Praxisbezogene Selbstüberschätzung: “Politiker sind doof wie ein Stück Brot. Ich hätte den BER binnen eines Tages flottgekriegt.

Wir dagegen werden auch weiterhin über Musik schreiben. Auch wenn wir schon längst vom Gefühl beschlichen sind, dass das Schreiben über Musik dieser Tage reichlich unsexy scheint. Dennoch wollen wir auch heute wieder die besten Empfehlungen unserer bloggenden Kollegen – mit der einen oder anderen Bemerkung versehen – weiterreichen.

Vokabeltipp:

Es gibt Worte, deren Klang Balsam für die Ohren ist. In der englischen Sprache hat es mir das Vokabel “Reverie” schon lange angetan. Es meint die Tagträumerei, wirkt in der Artikulation ungemein zärtlich und anmutig. Eine Band, die sich Reveries nennt, hat bei mir also schon vorab einen Stein im Brett. Die aus dem schwedischen Linköping stammende Formation macht gitarrigen Indie-Pop, der fühlt und fiebert. Weiterlesen »


Sinnlichkeit, in milden Schwaden vom Plattenteller dampfend – Thievery Corporation

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Musik ist letztlich auch eine Sache der genetischen Disposition. Verhärmte Mädel liefern mausgraue Töne ab, harte Hunde neigen zu schlicht-derben Rock und verhaltensauffällige Teenager werden eben Rapper. Wenn man dagegen mit makelloser Eleganz gesegnet ist, darüber hinaus Rhythmus im Blut hat, dann nennt man sich Thievery Corporation und macht jahraus, jahrein edle Musik. Und zwar die Sorte Musik, die auch weniger wohlmeinende Zeitgenossen nicht einfach als loungiges Gedudel abtun können. Die US-Amerikaner Rob Garza und Eric Hilton sind alte Haudegen, die auf so manch exquisites Album zurückblicken dürfen. Mit ihrem neuen Werk Saudade lassen sie nun lateinamerikanische Wehmut in milden Schwaden vom Plattenteller dampfen. Es ist ein zärtlicher gehauchter, lieblich kultivierter Weltschmerz voll Chic und Noblesse. Beschwingt und federnd im Takt räkelt sich das Album in geballtem weiblichem Charme. So tönt Musik für Tage, denen ein besonderer, die Wirklichkeit bannender Zauber innewohnt.

thieverycorporation

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