"Candy" für Feinschmecker und Naschkatzen: Paolo Nutini
Schönheit und Sexappeal haben so ihre Tücken – vor allem dann, wenn sofort “wie süß” gestöhnt und die Kategorie Teenieschwarm beschworen wird. Wichtige Hinweise für jeden Indie-Blogger, einen weiten Bogen zu machen…oder? Das kann ja nicht gut sein (oder besser). So fragt dann auch das überaus respektable Musikmagazin Focus den Künstler die zentrale Frage: “Haben Sie je darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, die Sex haben, während Ihre Musik im Hintergrund läuft?”.
Mal ganz im Ernst, wer mit solcher Stimme und unter-die-Haut-gehendem-Songwriting ausgestattet ist, noch dazu lecker aussieht, der braucht sich keine Gedanken zu machen, ob der Sex besser wird, wenn die Musik im Hintergrund läuft. Was da so passiert, wenn die Musik im Vordergrund läuft, nur die Platte und die Hörerinnen… könnte eine komplette Staffel von Sex and the City füllen

All dies wird jedoch Paoli Nutini nicht gerecht – ihn allein auf sein Sexappeal zu reduzieren, wär’ schändlich und nur den Unzulänglichkeiten des schwachen Geschlechts zuzuschreiben. (Also meiner im Moment). Ich hätte die aktuelle Platte fast verpasst – wäre da nicht eine Promomail in unserem Postfach gelandet und hätte mir SomeVapourTrails nicht nen Schubs mit dem Vermerk : “Der könnte dir gefallen” versetzt. Immerhin – meine Ohren dürfen sich anderen Männern noch hingeben.
Jetzt bin ich nicht über die Maßen Freundin von Reggae-Musik – so stimmte mich das Cover erstmal skeptisch. Junger hübscher Junge singt Reggae-Kiffer-Sommerhits, folgten die Vorurteile, die meine Gehirnwindungen durchfluteten. Schön, wenn man sich so irren kann.
Paolo Nutinis Musik hat mit Karibik-Kitsch nichts zu tun und entstammt der schottischen Alternativ-Rock-Tradition, deren Vertreter wie The Coral gerne bunt durch die Musikgeschichte und -welt wildern und sich alles zu eigen machen, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.
Der Opener 10-10 ist ein famoser, mit bluesiger Stimme vorgetragener Skasong, der eher einen verlebten und mit Freude weiter trinkenden Sänger vermuten lässt, als einen hübschen Anfangzwanziger. Paolo Nutini hat den Blues in der Stimme, für den andere geschätzte 10.000 Flaschen Jack Daniels, Jahre in der Gosse und andere tragische Schicksalsschläge brauchen. Wunderbar kontrastiert wird dies durch die positive Grundstimmung des Albums. Keine Schwermut auf Sunny Side Up – dafür viel Gefühl.
Der zweite Song Coming Up Easy verlässt dann auch die jamaikanischen Gefilde. Unvermittelt leben hier Erinnerungen an Blueslegenden wie Ottis Redding auf. Mit Leichtigkeit reibeist Nutini sich durch die Nummer, als sei diese Musik jüngst für ihn erfunden worden. Ebenso No Other Way – in den frühen Tagen des Rock ‘n’ Rolls sangen nur schwarze Sänger so… uneingeweihte Hörer würden die Nummer sicher genau dort einordnen.
Aber auch im klassischen Singer-Songwriter Genre ist Nutini zu Hause. Balladen, gefühlvoll, atmosphärisch dicht und dabei unkitschig wie Growing Up Beside You, Tricks Of The Trade und Chamber Music gehören zu den nachdenklicheren Momenten von Sunny Side Up. Ein Mann, eine Gitarre… hier und da ein bisschen Mundharmonika und Flöten. Reduktion trifft auf Verspieltheit.
Candy, die aktuelle Single-Auskopplung ist ein Highlight von Sunny Side Up mit Gänsehaut-Faktor. Wehmut und Sehnsucht, ohne Leiden vorgetragen. Wär Nutini ein Candy – er wär ein Schoko-Chilli-Bonbon, das Feinschmeckern ebenso mundet, wie der gemeinen Naschkatze. Die besondere Atmosphäre des Songs dürfte der gewählt altmodischen Aufnahmeart im Studio zu verdanken sein. Bewusst entschieden sich Nutini und seine Band The Vipers dazu, die Lieder im Ganzen einzuspielen und nicht Spur für Spur die einzelnen Instrumente – wie heutzutage üblich. So springt der gewisse Funkte über, den sonst nur Live-Aufnahmen haben. Nutinis animalische Lebens-und Liebeslust tun ihr übriges. Sorry – ich muss es doch nochmal erwähnen: Er hat den Sex in der Stimme!
Paolo Nutini – Candy
Mit Pencil Full Of Lead jagen Nutini und Band durch eine feurige Jazz-Jive-Ragtime-Nummer, die jedem New Orleans Orchester ohne weiteres das Wasser reichen kann. Der Sprung von der karibischen See zum Mississippi – scheinbar ein Leichtes, wenn man italienische Wurzeln in sich trägt und aus Schottland stammt.
Paolo Nutini – Pencil Full Of Lead (Live Session)
Wer jetzt glaubt, ganz schön viele Stile auf einer Platte, der bekommt oben drauf noch nen Country Song geliefert: Simple Things.
Musikalischer Höhepunkt der Platte ist für mich ohne Frage Worried Man. Pathos und Zerbrechlichkeit auf höchstem Niveau. Die Kehrseite der Sunny Side beherrscht Nutini in einer Art und Weise, die an Tom Waits erinnern lässt und einen Ausblick auf das bietet, was wir in den nächsten Jahrzehnten noch von diesem großen Talent erwarten dürfen.
Tröstlich schmeichelt sich das letzte Lied in unsere Gehörgänge: Keep Rolling. Die Welt hat Schatten und Licht. Paolo Nutini lebt überwiegend auf der sonnigeren Hälfte, so wie seine Songs.
Fazit: Paolo Nutini ist für mich die Überraschung 2009. Fern ab meiner Lieblings-Genres hat er es vermocht, mich voll und ganz zu überzeugen. Wer es schafft, so selbstverständlich durch die verschiedenen Musikstile und Epoche zu springen und dabei ein in sich stimmiges Album zu produzieren, dem sind noch viele weitere überzeugende Schandtaten zuzutrauen.

Tracklist:
1. 10/10
2. Coming Up Easy
3. Growing Up Beside You
4. Candy
5. Tricks of the Trade
6. Pencil Full of Lead
7. No Other Way
8. High Hopes
9. Chamber Music
10. Simple Things
11. Worried Man
12. Keep Rolling
VÖ: 5.6.2009
Label: Warner Music
Live erleben:
19.06.2009 | Neuhausen ob Eck | Southside Festival
20.06.2009 | Scheeßel | Hurricane Festival
Links: My Artist Net, Myspace
DifferentStars

was hat paolo nutini bitte mit schottischem alternative-rock am hut? bereits sein erstes album war (ohne zweifel gut gemachter) pop, mit alternative-rock hat das nichts zu tun. aber vielleicht hab ich da auch nur keine ahnung.
…auch wenns unhöflich klingt…leider keine Ahnung
Hör dir mal ein paar schottische Bands aus dem Alternativ Bereich an. Ich nannte ja schon The Coral ( http://www.lastfm.de/music/The+Coral )..
Ich schrieb ja auch nicht, dass er Alternative-Rock macht… sondern aus dieser Tradition stammt (dies ist auch hörbar)… also von schottischer Alternative-Rock-Tradition beeinflusster Pop…
ah, ich verstehe, wir haben einfach nur unterschiedliche Auffassungen von Alternative-Rock, dann passt das schon
ach komm… wir hätten uns jetzt so schön bei jedem einzelnen Song von Herrn Nutini streiten können, welchem Genre dieser zuzuordnen ist
[...] Über Paolo Nutini hab ich hier auf dem Blog ja schon viele Lobesworte verloren. Sein Album Sunny Side Up hol’ ich immer wieder gerne raus und kann mich nicht satt hören. Ist eben ein “Candy” für Feinschmecker und Naschkatzen. [...]
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