Zeit fürs Kielholen – Ein Aufruf gegen die Piratenpartei

Kleine Kinder neigen bei der Entscheidungsfindung zu entwaffnender Spontanität. Ohne jegliche Begründungszwänge wird ungestüm Besitz eingefordert und lauthals ein “Meins!” verkündet. Erst die Sozialisation wird ihnen die Rechte des Gegenübers und ein Miteinander lehren. Widerstehen wir doch anlässlich der Bundestagswahl der Versuchung, einen Rückfall in die frühkindliche Phase zu erleiden. Aus diesem Grunde darf die Piratenpartei am Sonntag auch keine ernsthaft erwägte Alternative sein.

Was beim öffentlichen Diskurs über das Urheberrecht gern ausgeblendet wird, ist der Umstand, dass sich hinter jedem mehr oder minder künstlerischen Werk ein Mensch verbirgt, der es erdacht, in die Tat umgesetzt und veröffentlicht hat. Und eben dies passiert nicht per Fingerschnipsen, sondern gestaltet sich arbeitsintensiv und mit viel Engagement. Ergo nichts, was so nebenbei nach einem langen Tag im Büro aus Jux und Tollerei geschieht. Das eingesetzte Talent sowie der Aufwand lassen sich nicht einfach aus Lust und Liebe finanzieren. Folgerichtig hat der Künstler einen Anspruch auf Vergütung, sobald wir seinem Werk Beachtung schenken, ihm einen Platz in unserer Lebenswirklichkeit einräumen oder es schlicht und einfach konsumieren. Unsere Gesellschaft basiert auf dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung – und weicht dies eherne Gesetz nur dann auf, wenn diese Gegenleistung aus guten Gründen (Stichwort: Armut) nicht erbracht werden kann. Doch darf man Autoren, Musiker und anderes Gesocks in die Rolle selbstloser Wohltäter drängen, weil in einem digitalen Zeitalter die Vervielfältigung ihres Schaffens eine Leichtigkeit darstellt?

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Urheber: WarX, edited by Manuel Strehl and modified by jlandin

Die Piratenpartei rückt das Copyright – neben dem Datenschutz – in den Fokus und drescht gekonnt Phrasen, die letztlich populär und verantwortungsbewusst klingen, bei genauer Betrachtung jedoch eine nett verbrämte Geringschätzung künstlerischen Tuns offenbaren. “Wir erkennen die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang an. [...] Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit.” unterstellt dem schöpferischen Individuum pauschal den Hang zum Plagiat. Dass Kunst auf Traditionen fußt und Musiker wohl kaum die Harmonielehre neu erfinden vermögen, wird als triftiger Grund für ein augenscheinliches Außerkrafttreten des Urheberrechts impliziert. “Da sich die Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken technisch nicht sinnvoll einschränken lässt und die flächendeckende Durchsetzbarkeit von Verboten im privaten Lebensbereich als gescheitert betrachtet werden muss, sollten die Chancen der allgemeinen Verfügbarkeit von Werken erkannt und genutzt werden. Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen der meisten Urheber entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert.” ist ebenso ein einfach hingeschmiertes Postulat, welches neben Vermutung und Wunschträumen wenig zu bieten hat. Kopierschutz funktioniert sehr wohl – wenn ihm nicht eine hohe Dosis krimineller Energie, die für das Cracken aufgewandt wird, entgegensteht. Natürlich macht es für den Urheber einen Unterschied, ob er sein Werk 1000 Male verkauft oder bloß 50 Stück, von denen dann 950 Kopien angefertigt werden.

Die Piratenpartei schießt auf Wildsäue und trifft die Spatzen. So in etwa darf die Strategie zusammengefasst werden. Denn wenngleich die riesigen Konzerne mit Vertrieb und Marketing einen exorbitant hohen, unangemessenen Prozentsatz des Profits einstreichen, so hat erst die Art und Weise des gesellschaftlichen Konsums das ermöglicht. Wir alle spiel(t)en Systemerhalter. Wer sich nun dagegen wendet, meuchelt in aller erster Linie die Komponisten, Autoren und Maler. Und erwischt in einem Aufwasch auch redlichste Kleinunternehmen in Form von Mini-Verlage, -Labels, etc, welche keinesfalls die unüberwindbare Barriere zwischen Schöpfer und Rezipient bedeuten.

In der Tat existiert eine Vielzahl von innovativen Geschäftskonzepten, welche die freie Verfügbarkeit bewusst zu ihrem Vorteil nutzen und Urheber unabhängiger von bestehenden Marktstrukturen machen können.” behaupten die ehrenwerten Mitglieder der Piraten. Gern werden auch Beispiele genannt. Und tatsächlich kann eine frei gewählte Verfügbarmachung ein sinnvoller Impetus oder gezielte Werbekampagne sein. Kostenlose Downloads einzelner Songs sind im Musikbereich perfekte Appetithappen, unter Creative Commons veröffentlichte Platten eine Möglichkeit Hörer zu gewinnen. Aber garantierte Einnahmen bringen diese Konzepte nicht. Und den schnöden Mammon braucht ein Künstler nicht weniger als die Marktfrau, der Call-Center-Agent oder ein Bankdirektor. Wenn der Gottseibeiuns Trent Reznor seine Alben verschenkt, dann mag ihm dies aufgrund von Synergieeffekten zum Vorteil gereichen. Wenn das eine Band wie Palodine täte, würde der Rubel nicht rollen.

Lassen wir uns nicht von der grassierenden Gratis-Mentalität anstecken! So wie wir den Friseur fürs Haareschneiden bezahlen, den Mechaniker für die Reparatur des Autos, so hat auch der Künstler Anspruch auf Vergütung. Eine Entschädigung dafür, dass er uns mit Träumen, Freuden und Gedanken erfüllt und inspiriert. Das derzeitige System ist fraglos gescheitert und aus den Trümmern ein Neuaufbau (vielleicht sogar in Form einer verteilungsgerechten Kulturflatrate) zu wagen – aber unter keinen Umständen eine Anarchie zu propagieren. Und unter anderem aus diesen Erwägungen heraus darf die Piratenpartei am Wahltag keine Option bedeuten. Die Zeit fürs Kielholen ist gekommen.

Alle kursiv gesetzten Zitate wurden dem Parteiprogramm der Piratenpartei entnommen und sind hier nachzulesen.

SomeVapourTrails

Update: Die Piraten haben’s (zum Glück) nicht in den Bundestag geschafft.Unsere Antwort auf die Frage: Wozu braucht wir die Piratenpartei dürfte nach der Diskussion auf unserem Blog klar beantwortet sein, an anderen Stellen wird weiter diskutiert, u.a. hier und hier.


51 Kommentare zu “Zeit fürs Kielholen – Ein Aufruf gegen die Piratenpartei

  1. Pingback: » wie gehts mit den Piraten weiter besserwisser.suedblog.de

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