Schlechtes Timing für ein Outing – Xavier Naidoo
Ja, ich mag Xavier Naidoo. Ich tituliere ihn sogar als Unikat – aus mehreren Gründen. Zunächst halte ich ihn für einen Texter, der seine Anliegen und Emotionen in ein elegantes Deutsch kleidet. Dies und der Umstand, dass seine Lieder oft eine Ermunterung darstellen, den unverkitschten Hoffnungsschimmer bieten, heben ihn aus der Masse heraus. Dazu gesellt sich eine seltene, stimmliche Qualität, deren souliges Timbre grazil tänzelt und blindes Erkennen erlaubt.
Warum Xavier Naidoo von snobistisch angehauchten Musikliebhabern häufig belächelt oder bestenfalls ignoriert wird, entzieht sich meinen Erklärungsversuchen. Die religiöse Komponente in vielen seiner Lieder kann vielleicht einen Grund darstellen. Möglicherweise mag es die motivatorische oder sozialkritische Dynamik der Texte sein, die manch Zeitgenossen als zu salbungsvoll auslegen. Ich freilich hege durchaus Zuneigung für den werten Herren und oute mich gern als Anhänger.

Das Timing jedoch könnte schlechter nicht ausfallen. Denn dem eben veröffentlichten, 35 Lieder umfassenden Albummonster Alles kann besser werden mag viel guter Wille innewohnen, aber die Umsetzung wirkt langweilig, uninspiriert, bemüht und mitunter hemmungslos plakativ oder ärgerlich. Das erste Erlauschen suggeriert zwar den typischen Naidoo-Sound, offenbart das eine oder andere Highlight, welches jedoch in der schieren Masse der Mediokrität schnell untertaucht. Was habe ich falsch gemacht, fragt er sich in einem Lied und die Liste der Fehlerkomponenten ist in der Tat kaum endenwollend. Sie verdienen einen besonderen Schutz zum Beispiel kommt als derart penetrantes Plädoyer gegen Kindesmissbrauch daher, dass sich dem Hörer vor lauter gutmenschelnder Attitüde die Nackenhaare aufstellen. Holzhammer in Reinkultur. Wie überhaupt CD Nummer 3 bereits im Intro mit pathetischem Gestus tiefsinnige Erkenntnis vortäuscht und auf das Recht freier Meinungsäußerung pocht. Selbige bleibt Herrn Naidoo auch unbenommen, aber die Art und Weise der Umsetzung darf ausgiebig bekrittelt werden. Wenn Raus aus dem Reichstag unverhohlen als Abgesang auf die Politik erschallt, dann schwimmt Naidoo auf der Welle der Politikverdrossenheit, die den Grundwert der Demokratie gering achtet. Das kann doch nicht sein Ernst sein. Freilich tümpeln ebenso Liebeslieder schmerzbefreit vor sich hin, blubbert weichgespültes Easy-Listening, das bei Ich brauche dich einen schwülstigen Höhepunkt erfährt. Ab und an sorgen Tracks wie Ich warte bis du kommst oder Meine Muse sogar für ungewollte Heiterkeit. So blank wie der Busen der Muse scheint auch mein Entsetzen.
Die Lichtblicke auf Alles kann besser werden sind rar gesät. Der Kreis erinnert an gewohnte Qualitäten, ebenso wie Befreit, welches auch textlich an alte Eindringlichkeit gemahnt. Letztlich dienen aber ein halbes Dutzend ansprechende Lieder nicht wirklich als Entschuldigung für gefühlte 50 Zumutungen. Xavier Naidoo enttäuscht, sehr sogar. Prescht eine süßlich-selbstherrliche Schramme in sein bislang niveauvolles Schaffen, torpediert jenes nachhaltig. Platten sollen mit künstlerischer Finesse glänzen und nicht dadurch prahlen, dass deren Schöpfer sich selbst bereits als Gewissen der Nation sieht. Doch genau jenes hervorstechendste Merkmal des neuen Albums brandmarkt es.
Link:
SomeVapourTrails









Ich habe Xavier Naidoo lange ignoriert und mag seine Musik eigentlich gar nicht, aber dafür habe ich mich jetzt endlich mit den Söhnen Mannheims auseinandergesetzt und finde sie richtig toll. Super Texte, toller Sound und Xavier Naidoo in erträglicher Dosis! Vllt. sind seine Soloalben der nächste Schritt? Wer weiß…
Ich bin aber kein Snob.
[...] und schreibt selbst eigentlich und hauptsächlich ein Musikblog über so obskure Musiker wie Xavier Naidoo. Unbedingt auch mal vorbeischauen. (Dies als Revanchelink, sonst kann ich heute Nacht nicht [...]
Ich war immer ein großer Fan von Xavier Naidoo, aber dieses Album ist einfach schlecht. Es gibt 4, vielleicht 5 gute Lieder auf diesem Album, also sollte er lieber ein EP machen, statt 3-CD Album. Ich kann’s nicht verstehen.
“Langweilig, uninspiriert, bemüht, hemmungslos plakativ und ärgerlich” ist hier nur das Review der dritten CD.
Der musikalische Widerstand gegen die verbrecherische Politik unserer Regierung zeugt nicht von “Politikverdrossenheit”. Ganz im Gegenteil. Das ist Parteienverdrossenheit! Denn die Texte sind durchaus sehr politisch.
Zur Wertung von “Sie verdienen einen besonderen Schutz” frage ich mich ernsthaft, ob der Schreiber den Track ueberhaupt vollends gehoert hat. Kritisiert wird nicht nur der Kindesmissbrauch, sondern ebenso die Verrohhung unserer Sprache. Bedeutet die Existenz des Wortes “Kindesmissbrauch”, dass es auch einen “sachgemaessen Kindesgebrauch” gibt, der dem Missbrauch gegenuebersteht?
Zugegeben: Wen Politik und “Verschwörungstheorien” im Allgemeinen nicht interessiert, der sollte vielleicht von CD 3 lieber die Finger lassen.
Und, lieber Autor, wer von Politik nichts versteht, sollte dies sowieso tun.
Bravo Xavier! Du bist ganz gross!
Ich finde es prinzipiell sympathisch, wenn echte Fans auch ein schwaches Werk ihres Lieblings verteidigen. Dann sollte man aber auch wissen, wovon man spricht. Parteienverdrossenheit ist Politikverdrossenheit. Politik wird nun mal von Parteien gemacht, auf der Ebene des Bundes ebenso wie in den kleinsten regionalen Ausprägungen. Um längerfristig zu bestehen, braucht es eine Programmatik und Strukturen. Das handhabt auch jede Bürgerinitiative, jeder eingetragene Verein so. Unter dem Aspekt halte ich es – mit Verlaub – für nicht durchdacht, zwischen Politik und Parteien im demokratischen Kontext zu trennen. Naidoo macht es sich zu einfach, wenn er gesellschaftliche Probleme an den werten Politikern namentlich festmacht. Noch werden diese vom Volk gewählt, womit das Volk selbst die Schuld an politischer Kastenbildung trägt. Mal abgesehen davon, wie sich außerparlamentarische Alternativen präsentieren. Welche der nicht in den Bundestag gewählten Parteien und Bewegungen hätte gesamtheitliche Lösungsansätze? Das Problem sozialer Kälte ist nicht von Politikern gemacht. Das Handeln der politisch Verantwortlichen bedeutet immer die Reflexion einer kollektiven Stimmung. Die Schuld auf die im Rampenlicht befindlichen Akteure zu schieben, wie es Naidoo tut, heißt die Verantwortung zur Gestaltung bei jedem Bürger auszublenden. Und dies ist fahrlässig.
Kommen wir zum Thema Kindesmissbrauch. Da habe ich ein Problem, dass es einfach viel zu plakativ agiert, gut gemeint eben nicht gut gemacht ist. Wenn ich mit fiepsiger Stimme und viel Pathos Give Peace A Chance trällere, ist die Botschaft auch nicht falsch. Aber die Art und Weise mag stark verbesserungswürdig sein und eine differenzierte Frage nach den Gründe allemal wünschenswert. So sehe ich dies auch bei dem von dir angesprochenen Lied.
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Lie In The Sound
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