Lie In The Sound

Spiel auf der Gefühlsklaviatur der Besucher – Hope Sandoval & The Warm Inventions und ein feines Konzert in Berlin

Hope Sandoval empfindet das Singen vor einer Ansammlung von Menschen, die an ihren Lippen hängen wie an einem lebensspendenden Tropf, als unnatürlich. Diese Äußerung in einem telefonischen Interview mit meiner Co-Bloggerin DifferentStars, welches an dieser Stelle demnächst dokumentiert sein wird, eben diese Einstellung trägt zur Klärung dessen bei, was sich gestern anlässlich der Tour zur Vorstellung des neuen Albums Through The Devil Softly im Astra Kulturhaus in Berlin-Friedrichshain abgespielt hat.

hope sandoval berlin konzertFoto: Luz Gallardo

Wenn Frau Sandoval samt Begleitband The Warm Inventions aus dem schimmernden Halbdunkel ihres Schaffens treten und die Bühnen Deutschlands erklimmen, dann scharrt sich die treu ergebene Fangemeinde vor dem Altar einer Andacht und lauscht den im wahrsten aller Sinne magischen Momenten. Diese kultische Verehrung geht auf Sandovals Beteiligung an Mazzy Star zurück, welche dem Dream-Pop verfallenen Genre-Liebhabern seit fast zwei Jahrzehnten nun schon als legendäre Formation im Gedächtnis haftet. Bereits vor dem offiziellen Einlass um 19 Uhr harrte eine lange Schlange vor dem Veranstaltungsgebäude den da kommenden Ereignissen. um 10 Minuten verspätet Zugang in die für wenige Stunden heiligen Hallen gewährt zu bekommen. Von Beginn an herrschte eine ruhig-gespannte, der Besonderheit des Augenblicks mit jeder Faser gewahr werdende Vorfreude. Die bierdosenfeile Ausgelassenheit eines Rockkonzerts fehlte völlig, man fand sich nicht ein, um einem Abfeiern zu huldigen. Die Ergriffenheit einer angehenden Entrückung lockte verheißungsvoll.

Pünktlich trabten die Mannen von Dirt Blue Gene ins Rampenlicht. Selbige sollten im Verlauf des Abends zu den The Warm Inventions mutieren, doch vorerst galt es ohne Sandoval zu glänzen.  So sehr das kräftige, in manch instrumentalen Phasen an Dirty Three erinnernde Spiel eine mehr als solides Grundgerüst enthüllte, blieb der Gesang von Charles Cullen doch blass. Mein Ratschlag an die Band wäre daher auch ein verstärktes Abzielen auf eine bodenständige Interpretation von Post-Rock, denn hierfür haben Dirt Blue Gene wahrlich ein Händchen.

Nach einer Verschnaufpause folgte kurz nach 21 Uhr der Höhepunkt der Erregung. Eine zierliche Silhouette huschte auf die verdunkelte Bühne, baute sich zuvorderst auf. Sandovals Mut hatte jedoch seinen Preis: Die gesamte Performance hindurch verblieb die Bühne in einen Dämmer gehüllt, der nur ab und an von projezierten Stummfilmsequenzen oder surrealen Makroaufnahmen gespenstisch erhellt wurde. Das Gesicht der Künstlerin war nur erahnbar oder von der Hand am Mikro verdeckt. So also führte sie sich vor, omnipräsent das Podium ausfüllend und doch irrlichtern in Schemen gehoben. Doch bereits während dem erstmaligen Erschallen ihrer Stimme schwante auch dem letzten, durch Zufall in den Saal verschlagenen Schlumpf die Überdimension des Ereignisses. Hell, dominant und unvergleichlich markant wühlte Sandoval die Herzen auf. Blickte sie sich anfangs noch fragend um, so als vergewissere sie sich der Anwesendheit eines unsichtbaren Schutzengels, der die scheue Künstlerin durch den Abend bringen sollte, so entwickelte sie mit jedem weiteren Lied eine stärkere Selbstsicherheit. Die rechte Hand hinter den Rücken wie festgezurrt gelegt, intonierte sie mit unnachahmlicher Finesse die losgelöst verträumten Songs.

In einem kurzen Schwarzen gekleidet, fragil anzusehen wuchtete die Sängerin allen Ausdruck in den Gesang, überzog alles mit einer handfesten Aura, welche eine spürbare, große Energie freisetzte.  Auch ihr Griff zu Mundharmonika, Xylophon und Glockenspiel überzeugte, gab der fast entrückt glänzenden Gestalt eine Handwerklichkeit. Wie wild tänzelnde Glühwürmchen glommen die grünlich beleuchteten Schlägel, als Sandoval sie ekstatisch malträtierte. Doch auch ihre zu brav arbeitenden Statisten verkommene Band mühte sich bestens, der Genialität der Stimme ein Korsett aus Klängen zu schnüren. Eben jenes flocht mit Fortdauer in die Andacht sogar eine unvermutete Rockigkeit, welche bei Trouble erstmals das Publikum in einen fetzigen Schwitzkasten nahm. For The Rest Of Your Life spreizte sich  zu einer auf visuelle und gehörliche Überforderung abzielenden Psychedelic-Oper auf, die monströs unterstrich, dass neben dem zarten Liebreiz von Dream-Folk, wie zum Beispiel bei Suzanne zu erfahren, und dem langsamen Shoegaze Marke Sandoval, wie er famos bei Blue Bird erlauschbar war, die werte Dame durchaus auch mit einer Facette der Raserei zu be- und verstören weiß.

Das Ende des regulären Sets legte die Exzentrik der Künstlerin nochmals den längst vor Atemstockung enthusiasmierten Fans nahe. Eine heftig geklatschte Ewigkeit später schwob sie für zwei Zugaben, darunter das bereits auf dem Debüt Bavarian Fruit Bread herausragende Feeling Of Gaze, zurück auf die Rampe. Und hinterließ beim endgültigen Abgang eine seltene Glückseligkeit in den Gesichtern der Besucher.

hopesandoval-berlin-konzert-2Foto: Luz Gallardo

Die als schüchtern verrufene Hope Sandoval – das Fotografieren war strengstens untersagt, lediglich die offizielle Fotografin Luz Gallardo durfte ihr ein paar Aufnahmen abringen – malte mit ihrem Konzert einen Gegenentwurf zu herkömmlichen Auftritten. Mochte sich auch die verbale Kommunikation mit dem Publikum auf Begrüßung und Verabschiedung beschränken, so fand ihre Stimme genug Wege auf der Gefühlsklaviatur der Zuhörer zu spielen. Diese derart denkwürdige Festivität vermag noch lange nachzuwirken. Was für ein Ausnahmeerlebnis!


Links:

Konzertbericht auf pretty-paracetamol.de

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

8 Antworten on Spiel auf der Gefühlsklaviatur der Besucher – Hope Sandoval & The Warm Inventions und ein feines Konzert in Berlin

  1. Frank
    7. November 2009 um 12:38

    In der Tat ein Ausnahmeerlebnis. Ich lese hier grosse Begeisterung und entdecke die ein oder andere Ähnlichkeit zum Kölner Abend. Sowohl im Publikumsverhalten als auch im Bühnenerlebnis.
    Wie voll war es denn in Berlin? In Köln wollten ca. 200 bis 300 Leute Hope Sandoval anhimmeln.
    Ich bin gespannt auf euer Interview!

  2. lieinthesound
    7. November 2009 um 12:55

    Hi Frank,
    das Astra Kulturhaus war bis auf den letzten Stuhl besetzt, ein paar Leute standen an den Seiten bzw. saßen im Gang. Bin nur schlecht im Schätzen, wie wie viele da jetzt reingehen. Also ich denke mal mindestens 500 eher mehr Konzertbesucher. In der Schlange hörte man viele verschiedene Sprachen, dürften so einige extra aller Herren Länder nach Berlin gekommen sein, um Hope live zu erleben.

    Liebe Grüße
    DifferentStars

  3. Frank
    7. November 2009 um 17:15

    Und wieder ist die Hauptstadt vorn! :-)
    Das ist toll und freut mich für die Band. In Köln fand ich es schade, dass nicht mehr Leute da waren. Verstehen kann ich dies eigentlich nicht, obwohl, bei Ticketpreisen von 35 Euro trennt sich der Hardcorefan vom interessierten Musikfreund.

  4. Benedikt
    8. November 2009 um 11:08

    Ich beglückwünsche euch für den schönen Abend, wirk sicher noch etwas länger nach und lässt Geist und Körper sicherlich rasch wieder gesunden…

    Neidvolle Grüße (du siehst ich war nicht in Köln),

    Benedikt

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