Lie In The Sound

Die normative Instanz als Tätärätätä

Nun gut, dass unselige Kreaturen in Form von Krawatten tragenden Managern großer Plattenlabels keine musikalische Hochkultur auf ihrer Profitmaximierungs-To-do-Liste vermerkt haben, lässt sich leider nachvollziehen. Man investiert lieber in Durchschnittlichkeit kaschierende Perücken, die der manipulierbaren Masse mit Glitter, Glamour und Bombast den letzten Cent aus der Tasche ziehen. Und so scheint es viel zu simpel, das Gros der kunstresistenten Konsumenten sowie die Möchtegernsänger als Marionetten geldgeiler Kapitalismusfratzen für die Misere verantwortlich zu machen.

Eigentlich läge es in der Zuständigkeit des Musikjournalismus und des gehobenen Feuilletons als normative Instanz den musikalischen Verpuffungen eine Wertigkeit entgegenzusetzen, welche die kreativen Könner ins Rampenlicht rückt, missionarisch wie nüchtern Gegenpositionen zu allzu dumpfer Unterhaltung einzunimmt. Der kulturelle Input einer blühenden Musikszene, in der Handwerk und Ideen Hand in Hand gehen, darf nicht unterschätzt werden. Die Kritikerzunft sollte respektvoll Spreu vom Weizen trennen, Ekstase und Sinn vermitteln, nicht (nur) Eliten becircen, sondern das hehre Karma der Kompositionskunst möglichst breit transportieren. Soweit die Theorie.

Alles Gaga oder was? Bild: (c) Universal Music 2009

Der Teufelskreis freilich, in dem sich die Senfabgeber wiederfinden, sieht das Bedienen von Interessen vor. Weil Lady Gaga in aller Munde scheint, winkt selbige auch aus dem kleinsten auf vermeintliche Klangfreuden spezialisierten Käseblättchen. Und die Online-Magazine und Musikblogs, beseelt vom Traum Traffic zu generieren, eifern der Chose hinterher. Ein Oops eines Sangessternchens, ein Video einer in Unterwäsche herumtänzelnden Beyoncé, all dies zieht viele Blicke an – und lenkt von dem ab, was Musik auch sein kann, ja soll. Wenn Klang wie Gesang Stimmungen, Gefühle, Geschichten transportieren und uns damit bereichern, dann muss nicht etwa die Niedrigniveauebene als Schwerpunkt avisiert werden.

Doch schlimmer noch als der Wettlauf um die Verbreitung von Trivialitäten gestaltet sich das Schwingen der Axt zwecks Fällen von Brachialurteilen, vor allem wenn es nicht um eine Unterscheidung von Show und Kunst geht, sondern das Mark musikalischer Anstrengung mit Flapsigkeit durch den Kakao gezogen wird. Wenn es also nicht um das Brimborium dreht, mit welchem Marketing Aufmerksamkeit und Relevanz generiert, stattdessen der Kern kreativen Ausdrucks zugunsten von Sprücheklopferei in Grund und Boden schwadroniert wird. Musikalische Betätigung muss einer seriösen Beurteilung standhalten, darf aber respektvollen Umgang erwarten.

Die Ansprüche, die man an ein Album oder Lied anmeldet, sind zwangsläufig an die Erfordernis gekoppelt, die eigene Meinung profund zu postulieren. Nur so erhält sie Gewicht. Nehmen wir doch konkrete Beispiel. Wie kann ich das Magazin Intro als Hort der Rezeption ernst nehmen, wenn es in seinem aktuellen Feature Platten vor Gericht eine Horde von redaktionseigenen Praktikanten zwecks kesser Beurteilung auf Künstler losbugsiert, die das Prädikat auch wirklich verdienen, und als Ergebnis hanebüchernen Unfug erntet.

Oder was für eine Bankrotterklärung stellt es dar, wenn in einem an hochwertigen Veröffentlichung reichen Jahr Spinner bei der Suche nach den bisher besten Liedern sich fast ausschließlich auf jene konzentriert, die mit viel Gedöns publiziert wurden. Falls die Vorselektion der Magazine nicht mehr auf gründlicher, umfassender Recherche beruht, sich lediglich von Zurufen der Labels leiten lässt, dann verfehlt die Branche der Fachmagazine ihre eigentliche Bestimmung.

Wenn das Schreiben über Musik lediglich zu einem Wiederkäuen von angeblichen Neuigkeiten und Tratsch verkommt, die Auswahl der vorgestellten Platten mit dem Marketingbudget der Labels korreliert und der Kritiker zum von der Eitelkeit der eigenen Hipness getriebenen verbalen Amokläufer mutiert, dann darf es nicht verwundern, wenn das Ergebnis mehr an ein Tätärätätä als an Ernsthaftigkeit oder Hingabe zur Musik gemahnt. Da sollte sich jeder an der eigenen Nase fassen.

SomeVapourTrails

1 Antwort on Die normative Instanz als Tätärätätä

  1. Julian
    7. April 2010 um 19:09

    Oh je, was Intro da verzapft haben ist ja echt unter aller Sau. Die Kommentare zu den Alben sind teilweise so sinnfrei!
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    Aber Lady GaGa finde ich trotzdem super :mrgreen:

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