Versommerung des Seins – Der Terror des Sommerhits
Sommer mag als Zustand temporärer Ekstase eine gesellschaftlich genormte wie anerkannte Größe darstellen. Vor Lebensfreude überquellende, in Bikini-Laune befindliche Songs zaubern uns die sengende Sonne ins dunkel bebrillte Gesicht, wir lechzen und winseln nach einer Leichtigkeit in der Schwüle, während Shakira ihr Waka Waka fröhlich intoniert, wir dazu die Lippen schürzen und in kollektives Mitgeträller einstimmen. Oder aber wir aphrodisieren mit eisgekühltem Cola unsere nackte Haut, hampeln zu Wavin’ Flag von K’Naan. Kein Sommer ohne Sommerhit, da ist auch gerne mal Schluss mit jedwedem Indie-Anspruch.
Und selbst wenn die Euphorie der Fußball-WM in ein Tal der Tränen getrieben wird, das männliche Begehren vom Sommermärchen zum Sommermädchen schwenkt, verbleibt noch immer die temperaturgestützte Auszeit von einem sonst auf Tristesse geschulten Sein. Hitze schält unsere Körper, verbrennt matten Teint und quittiert Sorgen mit lichtdurchflutetem Wohlbehagen. Die für Urlaub, Strand und Entspannung erschaffene Jahreszeit schludert allzu selbstverliebt. Maschinen stehen still, Nachrichten plumpsen in ein Loch, das Fernsehen schröpft den Fundus bis zum Exzess, Jugendliche und Kinder werden aus der Geiselhaft der Schulen für ein paar Wochen entlassen. Sommer ist ein Karneval voller Sinnesreize, Pflichten vernachlässigend, Glücksseligkeit einfordernd.
Doch Sommer ist auch Stillstand. Innovationen werden auf den Herbst verplant, politische Aktivitäten eingeschränkt. Musikalische Veröffentlichungen dosiert man auf niedrigem Niveau, aus der Ferne lassen sich Meisterwerke schwer konsumieren. Und die im Lande verbliebenen Menschen scharen sich leicht geschürzt in Parks oder am Baggersee, denken wenig, erleben viel. Man konsumiert Alkohol, wirft einander fiebrige Blicke zu. Und dazu braucht es auch leichte Lektüre im Täschchen, Bücher, die ohne faustisches Grübeln zu lesen sind, Lieder, welchen onomatopoetische Unverkrampftheit inhärent scheint. Das dumpfe Grau des Alltags, die schwerfarbige Düsterheit der Existenz ist nicht die passende Kirsche für den mit Curaçao getränkten Cocktail.
Wenn also die Versommerung des Seins wie Sonnencreme unser aller Poren verklebt, dann giere ich bereits nach der verfestigten Kühle eines Herbstes, der trostlos prallen Kälte des Winters und dem hell verbrämten Frühlingserwachen. Hitze schürft nie tief, behauptet sich nur als oberflächlicher Pappenstiel. Der Sommer gleicht einem Kerker voller Licht, der das lasse Karma der Trostlosigkeit in die Weite der Freiheit pfercht. Doch die Hoffnung naht, dass die Zeiger der Uhren uns dem Ende des Sommers unaufhörlich näher führen und die Realität schweißnass wieder erwacht, die Gehirne erneut wohltemperiert agieren und drückende Fantasien Melancholien weichen. Dann, ja dann wird auch neue Musik ihren Beitrag dazu leisten. Doch bis dahin regiert der promiskuitive, ballermannsche Terror des Sommerhits. Negiert Geschmack, foltert mich damit. Vom Schönwetter verordnete gute Laune? Nicht mit mir!
SomeVapourTrails


Ich verstehe auch gar nicht, warum Nelly Furtado mit ihrer aktuellen CD keinen Sommerhit abwerfen konnte. Das Ding ist voll davon und im Gegenzug zu so manchem Anderen gar nicht mal schlecht… Für Sommermaßstäbe. Aber stimmt schon. Im Sommer werden die guten Alben immer weniger.
ich bin ohnehin kein großer anhänger des sommers, denn alles über 30 grad finde ich unerträglich
die echten sommerhits erkennt man auch meist erst im spätsommer, das niveau dieser sog. hits wurde auch immer niedriger. tanzten wir früher noch zu den mainstream-hits (!) “se a vida e” oder “need you tonight”, kann man die chartmucke seit zehn jahren – insbesondere im sommer – komplett in die tonne treten.
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Lie In The Sound
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