Berlin – Ein Festival schafft sich ab

So und jetzt alle zusammen im Chor: Du, die Halle ist voll, buhuhuh. Das bringt das Fass natürlich zum Überlaufen – und schon hat das Berlin Festival 2010 mächtig Schlagseite. Doch ehe wir uns nun fragen, ob der olle Kahn damit endgültig gekentert oder lediglich die Location Tempelhof über Bord gegangen ist, fassen wir noch einmal kurz die Sachlage zusammen. Man musste wahrlich kein Klabautermann sein, um im Vorfeld der Veranstaltung leise Zweifel am voll umfänglichen Gelingen zu haben.

Wenn man den Freitag mit angesagten Acts (Zola Jesus, Robyn, Editors, Fever Ray) vollpropft, den Samstag dagegen mit einem relativ soliden Programm (Seabear, Tricky) füllt, darf man sich nicht stirnrunzelnd wundern, wenn speziell der erste Tag im Fokus der Besucher steht. So kam es dann auch. Und schon gar nicht hätte dieses rege Interesse zu einem vorzeitigen Ende des ersten Festivaltages führen müssen. Wieviel Milchmädchen steckt in der Rechnung, dass sich die Reihen nach dem mitternächtlichen Betriebsschluss auf der Open-Air-Stage lichten oder zumindest derart auf das Gelände und die zwei Hangar-Bühnen verteilen, dass Staus und Überfüllung ausgeschlossen sind? Irgendwann nach 2 Uhr früh wurde die Reißleine gezogen und die Veranstaltung für beendet erklärt, weil man vor den Schleusen zu Hangar 4 ein Nichts-geht-mehr konstatieren musste. So zumindest die offizielle Darstellung.

War dies das Aus für den geschichtsträchtigen Ort? (Foto Credit: Sibilla Calzolari)

Man benötigt keine besonders voyeuristisch ausgeprägte Ader, um Miss Management unter den Rock zu schauen. Dass gerade in Berlin, wo man wochenends zum uncoolen Spießer mutiert, wenn man sich vor Mitternacht auf die Piste begibt, um just diese Uhrzeit die Lichter der Hauptbühne des Events ausgehen und damit die diversen Nebenschauplätze in den Fokus rücken, sollte keinesfalls überraschen. Wie es trotz dieses Wissens zu den geschilderten Problemen kommen konnte, bleibt unverständlich. So sehr einerseits das Areal des stillgelegten Flughafens Tempelhof nach einer Folgenutzung schreit, so hellhörig sind andererseits die Anwohner, welche sich nach Jahren des Flugzeuglärms mit kaum weniger als einer Oase der Stille zufrieden geben wollen. Unter diesem Aspekt stößt ein mitten in der Stadt verortetes Festival an seine Grenzen, kann das Halli-Galli-Bedürfnis des Publikums in der Weite des Tempelhofer Feldes nicht befriedigen, sondern kuschelt sich ganz eng an das ehemalige Flughafengebäude. Der überdachte Vorplatz und die Einbeziehung der Hangar-Hallen schaffen zwar Wettersicherheit, aber eben auch eine angesichts der Weite der vormaligen Rollbahnen nachgerade lächerliche Beengung des Geländes.

Freilich könnte man auch eine Hymne an das Sicherheitsbewusstsein der Veranstalter anstimmen, der nach einem kritischen Gedränge, welches von Anwesenden weitaus weniger dramatisch dargestellt wurde, sofort die Notbremse zog und die freitägliche Chose noch vor Fatboy Slims Auftritt unterbrach. Warum jedoch wurde der Samstag daraufhin kurzerhand kunterbunt umgekrempelt, alle Shows auf eine Zeit vor Mitternacht verlegt? Wohl um ein ähnlich gestaltes wie programmiertes Chaos zu unterbinden. Dies entpuppt sich doch als peinliches Eingeständnis, dass man bei den Planungen keine zwingend pfiffigen Überlegungen angestellt hat, wie man die Besucherströme nach den  Main-Stage-Gigs entbündelt und auf die restlichen Spielorte splittert.

Der schale Nachgeschmack des Berlin Festivals 2010 lechzt nach einer grundsätzlichen Betrachtung der Ereignisse. Hat sich dieser Event nicht soeben selbst – zumindest in der Form der bisherigen zwei Jahre – abgeschafft? Sollte man ein in dieser Dimension konzipiertes, irgendwo zwischen Indie und Mainstream angesiedeltes Fest für Musikfreunde nicht auf die grünen Wiese, sprich in die Beschaulichkeit Brandenburgs, verpflanzen? Dort wäre der Veranstalter in ein weitaus weniger enges Vorschriftenkorsett geschnürt. Braucht ausgerechnet Berlin mit seinem an jeder Straßenecke, in vielen U-Bahn-Schächten sowie in ungezählten schicken Clubs, versifften Cafés, großen wie kleinen Konzerthallen pulsierenden musikalischen Leben tatsächlich ein Festival-Vehikel? Wäre der Flughafen Tempelhof mit all seiner die Haarspitzen penetrierenden Aura als museale Attraktion nicht wirkungsvoller definiert und somit endgültig in der beschaulichen Wirklichkeit jenes Bezirks angekommen? Eine Beibehaltung des bisherigen Konzepts vermag auch in Zukunft weder Organisatoren noch Besucher vollends zu befriedigen, für diese Prognose brauche ich keine Glaskugel. Wenn an der Örtlichkeit festgehalten werden sollte und zugleich die Auflagen eine Freiluft-Bühne bis in die Puppen verhindern, wäre ein kollektives Ende um 24 Uhr angebracht. Eine Kooperation mit Berliner Clubs könnte den Fortgang der Ereignisse dann andernorts sicherstellen. Wäre im Ticketpreis der Eintritt in jene Clubs samt Auftritt feiner DJ-Acts inkludiert, kämen die Heerscharen nachtschwärmerischer Konzertgänger auf ihre Kosten.

Die Hausaufgaben für das nächste Jahr sind also jetzt aufgegeben – und werden hoffentlich akribisch mit viel Hirnschmalz gelöst. Sonst wird spätestens 2011 ein lautstarkes Mann über Bord erschallen.

Link:

Erlebnisbericht auf direkteingabe.com

SomeVapourTrails


6 Kommentare zu “Berlin – Ein Festival schafft sich ab

  1. Guten Morgen,
    tja, was ich da am Samstag gelesen hatte, hatte mich auch sehr verwundert. Das Berlinfestival wegen Überfüllung abgebrochen.
    Ich war letztes Jahr vor Ort und ja, auch damals lief nicht alles rund. Im Hangar wurde die Hauptbühne aufgebaut und das freie Gelände verkam zum Nebenschauplatz. So war es denn zu Pete Doherty und Deichkind im Hangar proppenvoll und unverhältnismässig eng.
    Dieses Jahr hatte man das nun geändert, aber wohl leider übersehen, – so seh ich das – dass das Konzertende auf der Mainstage nicht das Ende des Festivals bedeutet und natürlich nicht viele Leute nach Hause gehen, sondern noch einen Blick auf die anderen Bühnen werfen. Das kennt jeder Festivalgänger: “Auf der Hauptbühne ist nix, dann mal schnell im Alternativzelt schauen. Oh Zelt voll, na gut, dann geh ich halt was essen.”
    Da sich auf dem Tempelhof auch die Essensstände in Hangarnähe befinden, kann sich der Pulk nicht entflächten und schon hat man das Chaos.
    Da ich letztes Jahr ein relativ rücksichtsloses Berliner Publikum angetroffen hatte, kann ich mir ausmalen, wie die Situation war. So war es wahrscheinlich vernünftig, abzubrechen.

    Jedoch bin ich der Meinung, dass Berlin ein Festival braucht. Also, liebe Veranstalter: das ein oder andere überdenken aber unbedingt am Tempelhof-Konzept festhalten. Der Ort ist toll!

    PS: in Barcelona gibt es ein innerstädtisches Festival auf ähnlich grossem Gelände. Vielleicht kann man sich hier ja das ein oder andere Abschauen…

  2. Ach ja, schade, auch in diesem Jahr auf deinem und meinem Blog wieder Kritik ohne Ende. Ich war selbst in dem Pulk und außer den Security-Leuten war da nichts kritisch und ein Vergleich der Lage mit Duisburg vollkommen an den Haaren herbeigezogen.

    Für mich war es das wahrscheinlich – wenn sie denn nicht wirklich woanders hingehen und aus ihren Fehlern lernen. Diese Hoffnung kann man aber begraben, siehe dieser Artikel aus der Berliner Morgenpost: http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1394692/Berlin-Festival-soll-2011-noch-groesser-werden.html Man will in Tempelhof bleiben und noch größer werden. Das ist echt Größenwahn und mir tut es echt um die ganzen enttäuschten Leute aus ganz Europa leid.

  3. Pingback: Berlin Festival 2010 – alles in allem

  4. Pingback: Links vom 13. September 2010 | Testspiel.de

  5. Hört sich gruselig an. Kann mir auch schlecht vorstellen, dass sich in dieser überdimensionierten Kulisse gerade für kleinere Acts so etwas wie Stimmung einstellt.

    Reeperbahn-Festival in Hamburg kommende Woche dürfte mehr Laune machen, weil Mischung aus verschiedensten Clubs in einigermaßen fußläufiger Nähe voneinander. Zwar fehlen die “ganz großen” Namen, aber dafür lässt sich sicher die eine oder andere Entdeckung machen.

    Freue mich besonders darauf, den wunderbaren Tino Räisänen endlich einmal live zu erleben…

  6. Hallo,

    ich gebe dem Autor mal sowas von überhaupt NICHT Recht. Deine subjektive Wahrnehmung, dass z.B. der Freitag mit besseren Acts bestückt war, teile ich nicht. In meinen Augen kann sich der Autor sein Gemecker sparen und eher darauf hinweisen, dass die Veranstalter so verantwortungsbewußt gewesen sind und das Festival unterbrochen haben, anstatt irgendwas zu riskieren. Ich denke DAS verdient Lob. Keiner der Gäste kann die Situation genau einschätzen (jedenfalls nicht genauer als die Security vor Ort, da diese vernetzt ist mit anderen und die somit ein umfangreicheres Bild von der Gesamtsituation haben). Das dürfte doch eigentlich nach der umfangreichen Berichterstattung über Duisburg klar sein, oder?? Wenn du irgendwo in der Masse stehst, dann weist du nicht was 50 m weiter hinten oder vorne passiert.

    Ich finde das verhalten der Veranstalter vorbildlich. Lieber so als andersherum. Großes Lob!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>