Dark Dark Dark live – Comet 30.06.2011

Manchmal muss man verkorksten Umständen eine starke musikalische Protestnote überreichen. Und zwar in der Manier wie es Dark Dark Dark am Donnerstagabend im Berliner Comet Club taten. Doch beginnen wir der Reihe nach. In den letzten zwölf Monaten habe ich Konzerte wie der Teufel das Weihwasser gemieden. Aufgrund andauernder Rückenprobleme stehe ich mir nur ungern die Beine in den Bauch, gehe jedem Hauch von Gedränge bestmöglich aus dem Weg. Wenn jedoch eine derart begabte Band – wie ich jüngst hier erklärte – die Stadt heimsucht, darf man sich schon einmal am Riemen reißen.

Photo Credit: Tod Seelie

Was ist das eigentlich für eine geradezu zwanghafte Geheimhaltungsmasche, mit der speziell Indie-Clubs den Konzertgängern begegnen? Die auf Plakaten oder im Internet angegebene Uhrzeit deckt sich nie mit dem realen Beginn eines Konzertes. Im Idealfall benennt sie den Zeitpunkt, an dem der Sound-Verantwortliche in Seelenruhe damit beginnt, die nicht vorhandenen Ärmel seines T-Shirts mit stoischer Ruhe hochzukrempeln. Nun vermochte ich die Zeit durchaus so sinnvoll wie grummelig zu nutzen und den Blick auf das eintrudelnde Publikum zu werfen. Man will ja erforschen, mit wem man in Sachen Musik eine geschmackliche Schnittmenge teilt. Im konkreten Fall leider auch mit Mittzwanzigerinnen, die die scheußlichsten Klamotten der Achtziger aus dem Lokus der Modehistorie rausgefischt haben. Da rumpelstilzete ich im Geiste mit Vehemenz, da – aus grundsätzlichen Überlegungen heraus – Hässlichkeiten in meinem ästhetischen Kosmos höchsten peripher geduldet werden.

Finde weitere Songs von The Information Age bei Myspace Musik

Mit gehörigem Wohlwollen könnte man den eigentlichen Beginn als cum tempore titulieren. Dann nämlich schritt Herr The Information Age, ein Berliner Singer-Songwriter, auf die Bühne. Und wählte zum Beginn ein Liedchen, dass selbst Tote in ein hartnäckiges Koma fallen lassen würde. Man verstehe mich bitte richtig, ich kann dem Bild Bärtiger junger Mann mit Akustikgitarre auf streiholzheftchengroßer Bühne durchaus etwas abgewinnen. Es darf – soll sogar – Musik existieren, die nicht wie ein wild gewordenes Duracell-Häschen durch den Raum steppt. Zur Einstimmung auf Dark Dark Dark jedoch hätte Mozarts Requiem die Besucher auch nicht übler getriezt. The Information Age war zur falschen Zeit am falschen Ort, an den Lieder selbst habe ich wirklich nichts auszusetzen.

Irgendwann nach 10 Uhr quetschten sich auch Dark Dark Dark samt ihren Utensilien auf die Bühne. Sechs sympathische Musiker mit allerhand Instrumenten, die weder die Größe eines Triangels aufwiesen noch einem Klavierflügel Konkurrenz machten. Dennoch platzte das Podest aus allen Nähten, musste sich der Banjo-Spieler, den man ohne große Fantasie als jüngeren Doppelgänger des deutschen Schauspielers Lars Rudolph beschreiben kann, an den äußerten Rand des Podiums quetschen, mit einem Bein praktisch noch in der Garderobe stehend. Jede semiprofessionelle Menschenschmugglertruppe würde ihrer Klientel nie und nimmer ähnliches zumuten. Der Bewegungsspielraum der Akteure lag bei gefühlten fünf Nanometern. Doch die Formation rund um Sängerin Nona Marie Invie trotzte der Enge. Ließ sich auch von der Schwarzen Magie (laut Invie) des Sounds nicht übertölpeln, die das eine oder andere markerschütternde Pfeifen durch den Saal jagte. Einen kurzen Moment lang schienen sich Dark Dark Dark durch den Auftritt quälen zu wollen, ehe sie sich wieder auf die Freude an ihrem Tun besannen.

Dark Dark Dark – Daydreaming by supplyanddemand

Die Formation aus Minneapolis besitzt die Gabe, ihre Songs auch live verspielt wie bodenständig zu präsentieren, beschwingt und entzückend berührend zu gleich. Die Verschrobenheit ihres Auftretens, unter anderem am überdimensionierten Kassengestell auf der Nase der Sängerin festzupinnen, vergegenwärtigte dem Betrachter stets, dass jene Musiker auch herbe Akzente setzen möchten. Das elfenhafte Element ihres Werks in patenten Feinripp packen. Die rustikaleren Stücke (Celebrate) gewannen im konzertanten Vortrag noch an Kraft, nicht zuletzt wegen des routinierten wie stimmigen Zusammenwirkens der einzelnen Mitglieder. Manch magischem Moment ihres jüngsten Album Wild Go vermochte Dark Dark Dark auf der Bühne keine zusätzliche Facette abzuringen, die wundervolle Erbauungsballade Robert ließ sich einfach nicht gefinkelter darbieten. Schlechthin ergreifend fiel bei diesem Gig jedoch Daydreaming aus, brachte das mit jedem Lied begeistertere Publikum sehr in Wallung, was sich nach Ende des einstündigen Konzerts in kräftigem Applaus ausdrückte. Und die Band dazu ermutigte, gleich zweimal für insgesamt drei Zugaben erneut das briefmarkenkleine Podest zu erklimmen. Spätestens hier waren den Herrschaften die Freude und der Spaß anzumerken, wie Sängerin Invie auch zugab, um zugleich den ernsthaften Anspruch augenzwinkernd über zu betonen.

Trotz des von der Band nicht gewollten Lo-Fi-Charakters dieses Abends konnten auch Störgeräusche den Erfolg nicht beeinträchtigen. Dark Dark Dark ist eine der interessantesten Bands der Stunde, gehaltvoll und unterhaltsam, tugendreich. Man sollte die noch anstehenden Termine unbedingt wahrnehmen.

Konzerttermine:

04.07.11 Hamburg – Kulturhaus III&70
05.07.11 Jena – Café Wagner
06.07.11 Bremen – Breminale

SomeVapourTrails


Ein Kommentar zu “Dark Dark Dark live – Comet 30.06.2011

  1. Pingback: Free Mp3: Grey’s Anatomy Soundtrack Folge 716 "Verantwortungslos" | Lie In The Sound

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>