2011 – Ein Blick zurück

Ich bin der Jahresbestenliste überdrüssig, nahe daran zum Verschwörungstheorienapostel zu mutieren. Jedem sei ein eigener Geschmack zugestanden, aber letztlich zeigt die Summe aller Auswahlen doch vor allem einem eines: Hybris und Vorurteil. Radiohead etwa können das schlechteste Album seit ihrem Debüt verbrochen haben, dennoch wird die Mehrheit The King of Limbs in den Top 30 führen. Auch Kate Bush mit ihrem unsäglichen 50 Words For Snow darf beim gehobenen, bereits grau melierten Kritiker nicht im Notizheft fehlen. Doch auch der in der Blüte jugendlicher Arroganz stehende Mittzwanziger hat so seine Favoriten, St. Vincent etwa. Und so wie ich mich wundere, warum Castingshowheinis von der mainstreamgeeichten Teenagern vergöttert werden, weshalb eine Helene Fischer Platten wie warme Semmeln verkauft, so staune ich freilich auch, warum Anspruchsfanatiker gern in die Mülltonne gehobener Musik greifen. Aber so haben verschiedene Generationen eben einen relativ standardisierten Musikgeschmack, der ein Zugehörigkeitsgefühl zu musikalischen Kasten gleich einem Orden auf der Brust trägt. Hybris!

Ob Pitchfork, Spex oder ein kleiner Blog, alle handeln und denken in Kategorien. Ein Country-Album darf nur dann lobende Erwähnung finden, wenn der Sänger mindestens ein gebrochener Mann samt knarziger Stimme scheint, ein Jazz-Werk hat nur dann Anrecht auf breite Besprechung, wenn es so trocken wie humorlos tönt. Vorurteile allerorts! Und so hoffen wir, dass unsere Jahresbestenliste Genregrenzen ignoriert, sich keinen Deut um Hypes schert, zugleich jedoch auch nicht der Irrmeinung erliegt, dass nur gut sein kann, was kein Schwein kennt. In diesem Sinne wünschen wir viel Vergnügen beim Durchstöbern unserer Lieblinge.

Beste Alben


1. Dark Dark Dark – Wild Go (Besprechung)

Wild Go ist eine ausnahmslos elegante Scheibe, die aus Schwermut nie Langeweile werden lässt, die wohldosiertes Temperament anstelle von Monotonie anzubieten hat.


2. Kasabian – Velociraptor!

Die hierzulande unterschätzteste Band von der Insel. Attitüde meets Wucht meets Genialität! Wer Kasabian mag, hat die Ohren am rechten Fleck.


3. Florence + the Machine – Ceremonials

Die geborene Diva des für die Ewigkeit gültigen hymnischen Pop-Refrains.


4. Ladytron – Gravity The Seducer (Besprechung)

Schallt so hintergründig und unterschwellig wie Pop nur klingen kann, zugleich derart ätherisch wunderlich, wie man es in elektronischen Gefilden selten vernimmt.


5. Joel Alme – Waiting For The Bells (Besprechung)

Der Schwede Alme beschert ein Kompendium an Sixities-Melodien, prächtig arrangiert, für immer in Schönheit gegossen.


6. Anna Calvi – Anna Calvi (Besprechung)

Anna Calvi vermag mit ihrem raffinierten Debüt zwischen divaresker Aura und seelischer Gebeuteltheit zu wandeln, knisternde Atmosphäre zu bescheren, sich stets einen Fingerspalt von den musikalischen Vorbildern abzugrenzen.


7. Feist – Metals (Besprechung)

Metals ist der seltene Glücksfall eines Albums, das in seiner Unberechenbarkeit sämtliche Erwartungshaltungen zu bedienen vermag. Abgesehn von der einen, die Feist in Easy-Listening-Pop-Gefilde abgleiten wünscht.


8. Still Corners – Creatures Of An Hour

Wachtraumhafter Dream-Pop der atmosphärisch dichtesten, ätherisch völlig entzückenden Sorte.


9. The Deep Dark Woods – The Place I Left Behind

Eine irgendwo zwischen Folk und Alternative Country angesiedelte Platte von überragender Qualität.


10. Ane Brun – It All Starts With One (Besprechung)

Mit Haut und Haar kämpft Ane Bruns lyrisches Ich um Orientierung, fangen die Emotionen Feuer, verhungern nie auf kleiner Flamme. It All Starts With One verkörpert die glitzernde Schönheit eines weiten Emotionskosmos.

Beste Songs

1. Anna Calvi – First We Kiss (Stream auf simfy)
2. Ladytron – White Elephant (Stream auf simfy)
3. Sin Fang – Two Boys (Clip auf tape.tv)
4. Low – Try To Sleep (Clip auf Dailymotion)
5. White Lies – Bigger Than Us (Clip auf tape.tv)
6. Kasabian – Re-wired (Stream auf simfy)
7. Francesca Lago – On My Way Back From The Moon (Stream auf Facebook)
8. Juliette Commagere – How I Look For You (Stream auf bandcamp)
9. Dark Dark Dark – Robert (Stream auf bandcamp)
10. Florence + the Machine – Seven Devils (Stream auf simfy)

Beste Newcomer

1. Anna Calvi
2. Still Corners
3. Lana Del Rey
4. The Jezabels
5. Exitmusic
6. Mirel Wagner
7. Azure Blue
8. Samantha Savage Smith
9. Veronica Falls
10. Gem Club

 

Beste Videos:

Wir wurde von tape.tv eingeladen, unsere 10 Lieblingsclips des Jahres bekanntzugeben. Das Ergebnis der Umfrage unter mehreren Dutzend Bloggern findet sich hier. Wir haben die Videos vor allem nach der Qualität der Musik ausgewählt, uns ist sehr wohl bewusst, dass es 2011 durchaus auch künstlerisch hochwertigere Musikvideos als diese gegeben hat.

Natürlich werden wir zwischen den Feiertagen noch viele weitere Alben und Songs auflisten, die 2011 bereichert haben.

SomeVapourTrails


4 Kommentare zu “2011 – Ein Blick zurück

  1. na, das sind aber harte worte… klar, ich bin des konsensgedöns auch ein wenig überdrüssig, aber dadurch wird musik auch nicht schlechter. und leider, leider mochten sehr viele das album radioheads ja eben doch nicht.
    st. vincent schlimm zu finden ist okay, und letztendlich freut’s mich auch, mir meine jugendliche arroganz auf so einfache weise (nämlich durch’s mögen) seit ein paar jahren bewahrt zu haben.
    ansonsten scheint eine top ten an sich ein platz für überschätzte künstlerInnen zu sein, das haben anscheinend alle listen gemeinsam. was natürlich nicht auf jedes darin erwähnte album zutrifft. aber zumindest sagt deine list etwas über deine vorlieben, nicht den konsens des jahres aus, was auch daran liegen könnte, dass du nicht erst veruchen musstest, einen konsens mit dir selbst herzustellen.

  2. Pingback: Unsere 75 Songs des Jahres 2011 | Lie In The Sound

  3. Ach herrje, Konsens, Hype, Kategorien, braucht kein Mensch. Und Radiohead fand ich immer halb scheiße, halb genial. Ihr letztes Album habe ich allerdings kein zweites Mal komplett gehört. Hat bei mir nix bewegt. Und pssssst, ausser Eurem Resümee des Jahres habe ich mir bisher nicht eine Liste angeschaut. Mir fehlt irgendwie die nötige Neugier. Und das ihr die doofen Kasabian so toll findet, unglaublich.

  4. Schöne Einleitung, schöne Listen :-) – und wir haben sogar zwei Alben in unseren Top 10 gemeinsam (Still Corners & Ladytron). Andere Alben aus Eurer Liste kenne ich (noch) gar nicht, einige fand ich auch ziemlich öde (Feist, Anna Calvi). Allzuviele Listen habe ich mir bisher auch nicht angeschaut, man weiß ja doch, wer bei Spex oder Rolling Stone hochgejubelt wird…

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