Lie In The Sound

Erkenntnisse aus dem Niemandsland – Damien Jurado

Als Jugendlicher jagt man unablässig den Freiheiten, Sehnsüchten und Lebensperspektiven von Musikern hinterher, die oft eine Dekade mehr auf dem Buckel haben, die zwar jung, aber nicht mehr jugendlich sind. Als Teenager identifiziert man sich gerne mit vor frischer Erwachsenheit sprühenden Zwanzigern, die sich noch nicht mit dem Dasein arrangiert haben, denen Vitalität und Unangepasstheit aus allen Poren spritzt. Identifikationsfiguren eben, die eine Revolution noch nicht als Bedrohung des eigenen Lebensentwurfes und Besitzstandes begreifen. Doch man wächst heran, wird älter, reiht sich ein. Über kurz oder lang überschreitet man die Dreißiger-Marke, hat die musikalische Qual der Wahl. Soll man den ewig Junggebliebenen anhängen, die sich geradezu trotzig gegen jedwede Weisheit stemmen, mittels Popstartum gegen das eigene Altern ankämpfen? Oder gaukelt man sich Spannkraft vor, indem man sich neuen Sängern und Hypes zuwendet, von Liebe beseelten Liedern lauscht, die oft wie Echos aus der Vergangenheit wirken? Ich persönlich ertappe mich immer und immer öfter dabei, Liedermachern zu lauschen, mit denen ich mich in puncto Lebenserfahrung auf Augenhöhe fühle. Solch Lieder und Alben sind nicht sexy, Abgeklärtheit oder Unaufgeregtheit scheinen nie attraktiv – zumindest nicht auf den ersten Blick. Vielleicht ist das der Grund, warum Damien Jurado nicht die ihm gebührende Ehre zuteil wird. Das soeben veröffentlichte Album Maraqopa bietet differenzierte Stimmungen auf, hebt Nachdenklichkeit hervor. Euphorie und Pathos fehlen, penetrant ausgelebtes vorzeitiges Greisentum allerdings auch. Diese Songs betreten das Niemandsland derer, die das Leben sowohl hinter als auch vor sich fühlen. Je nach Gemütslage.

Photo Credit: Sarah Jurado

Bei Nothing Is The News fällt Jurados Blick zurück lediglich auf verschlossene Türen, die zukünftige Perspektive beschreibt er mit den Worten “You’re just passing time till you die“. Sein lyrisches Alter Ego quält sich zu psychedelischen Klängen, verstrickt sich in schicksalergebene Klagen. All dies mündet in Life Away From The Garden.  Eine Erinnerung an eine Zeit der Unschuld, ehe man sich aus dem Paradies verirrte. Ein Kinderchor geistert durch das Lied, unverdrossen das gleiche Schicksal vorwegnehmend. Diese herrlich gezeichneten Momente der Gebrochenheit fangen eine schmerzend grüblerische Stimmung ein, die noch zu sehr über das Geschehene staunt, um sich in Bitterkeit oder Zynismus zu flüchten. Mit dem folgenden Track Maraqopa durchdringt eine Erlösung die Platte, eine befreiende Transzendenz, welche auf erhabene, groß gedachte Art und Weise die Traurigkeit abschüttelt. Mit diesen Liedern knüpfen Jurado und Produzent Richard Swift an die Virtuosität des Album Saint Bartlett an. Es ist alles Gold, was da glänzt. Weil Jurado nicht durch eine Jammertal irrt, eine Befreiung in die Weite hin zelebriert und über den irdischen Dingen schwebt, der Erkenntnis begegnet (This Time Next Year). In der Mitte des Albums freilich reißt der solenne Ton abrupt ab, erdet sich das Album, wird in ein Hier und Jetzt zurückgeworfen. Die Zeilen “You could mess up my life in a poem. Have me divorced by the time of the chorus.” gönnen sich ein wenig hadernden Humor, der Song Working Titles versinkt in den leisen Hoffnungen und Ansprüchen an die Gegenwart. So On, Nevada wagt sogar den Aufbruch, einen forschen, notwendigen Neubeginn. Noch ist es also nicht zu spät. Mit dem im Falsett gehaltenen Museum Of Flight wird gegen Ende noch der beste Song aus dem Hut gezaubert, an die anfängliche Qualität mehr als nur angeknüpft. Was für ein in seiner sanft bittenden Manier zärtlich gestaltetes Stück! Hier reichen sich Vergangenheit und Zukunft, Schmerz und Zuversicht die Hand.

Maraqopa entlässt den Hörer mit Mountains Still Asleep. Nochmals kramt Damien Jurado in seinem Füllhorn der Erkenntnis, als zentrale Botschaft bleibt “We are all given away, never to come back. And when we cross the line we become defined.” zurück. Maraqopa ist ein sehr fein gewirktes, von oft lieblichen Melodien getragenes Folk-Pop-Album, das große Reife aufweist. Gemütszustände nicht durch Schablonen presst, aus sehr erwachsener Perspektive äußerst eindrückliche Sichtweisen anbietet. Damien Jurado kann den großen Wurf, den Saint Bartlett darstellt, nicht vollends wiederholen. Von Hoffnungen und Desillusionen geplagte Sinnsucher in den Dreißigern dürfen auf Maraqopa als starkes Singer-Songwriter-Album jedoch zählen.

Maraqopa ist am 24.02.2012 auf Secretly Canadian erschienen.

Tourtermine:

01.03.2012 Hamburg – Haus 73
07.03.2012 Berlin – Comet Club
08.03.2012 Leipzig – UT Connewitz
09.03.2012 Schorndorf – Manufaktur
25.03.2012 Fribourg (CH) – Fri-Son
26.03.2012 Zürich (CH) – El Lokal
27.03.2012 Freiburg – White Rabbit

Link:

Offizielle Homepage

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