Gravitätische Eleganz und schmissige Rotzgörigkeit – Scanners

Wer kennt dies destruktive Element nicht? Entweder aus eigener – vielleicht gar schmerzhafter – Erfahrung, oder weil der zerstörerische Trieb tief im inneren Selbst schlummert. Es bereitet oft geradezu diebische Freude, anderer in mühevoller Arbeit vollbrachte Herzensangelegenheiten mit einem Rumms zu plätten. Ob nun als Jungenstreich, der Opa Meiers liebevoll arrangierte Gartenzwergkolonie in Scherben bricht, oder in der Boshaftigkeit des Erwachsenenalters, welches neidvoll die Grillfreuden des Nachbarn mit großer Wonne zu vergällen trachtet. Immer wieder denke ich mir, dass die Besprechung von Film, Musik oder Literatur oft auch nicht ohne gerüttelt Maß an destruktiver Veranlagung auskommt. Denn was ein wahrer, unbestechlicher Kritiker sein möchte, der muss mit dem Lob haushalten, es dadurch adeln, dass in der Regel eher Geifer spritzt. Das alles kam mir in den Sinn, als ich auf Rote Raupe eine Rezension zum Album Love Is Symmetry der britischen Indie-Rock-Formation Scanners las. Stirnrunzelnd stand ich vor ausufernder Gehässigkeit, zumal ich das neue Werk als wunderbar empfinde, ein gewisse Begeisterung nicht verbergen mag. Ihm kein Haar krümmen möchte.

SCANNERS_band

Die Scanners haben sich bereits eine ordentliche Anhängerschar erspielt, dennoch stehen sie nicht wirklich in Verdacht, als das nächste große Dinge gehypt zu werden. Für das Songwriting der mittlerweile nun bereits drei Alben starken Band sind Gitarrist Mat Mole und Sängerin und Bassistin Sarah Daly zuständig. Das Werk zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Prise britischer Kultiviertheit mit schwelgerischer Attitüde und Anklängen alternativer Rotzlöffeligkeit verbindet. Ab und an erinnert dies etwa an schaumgebremste Blondie. Die Scanners polieren eine Zärtlichkeit auf Hochglanz, entwickeln zurückhaltende, feine Pophymnen, zugleich dominiert eine spielerische Leichtigkeit, welche auch die eine oder andere Ungezügeltheit erlaubt. Die Band bietet auf dem jüngsten Werk jede Menge Abwechslung, robuste, atemlose Lärmigkeit und stupend ausgestaltete Balladen.

Eigentlich ist mit dem eröffnenden Titeltrack Love Is Symmetry bereits alles zum Guten gewendet, speziell durch den von Achtzigerjahre-Grandezza erfüllten Refrain. Dalys Gesang ist charakteristisch, obwohl er nie besonders in die Auslage gestellt wird. Auch eine Qualität! Keck, fast schon schelmisch gut aufgelegt präsentiert sich das Synthie-Geblubber von Control. Hier leisten sich die Londoner eine kontrollierten Quirligkeit, die man sofort ins Herz schließt. Der knackig-hemdsärmeligen Folklore von Mexico folgt mit Charmed Life eine mächtige, überwältigend-gefühlvolle Ballade. Daly wirkt wie ein Fels in der sich entladenden Brandung, muss jedoch nie Zuflucht in Schmalzigkeit suchen. Spätestens dieser Track überwältigt jedweden Hörer guten Willens. Dabei haben die Scanners ihr Pulver noch lange nicht verschossen. My Streets Are Always In The Shade wirkt verraucht, nimmt Anleihen an melodiösen New Wave. Wunderfein! Und hätte es noch eines Sahnehäubchens bedurft, krönt State Of Wonder die Platte. Hier schwenken die Scanners gen Dream-Pop, durchschreiten das Genre mit gravitätischer Eleganz, überspannt von unendlichem Sternengefunkel. Man staunt, frohlockt. Und benötigt angesichts dieser überragenden ersten Hälfte zur Stärkung einen Schluck aus der Pulle.

Eine gute Platte erkennt man daran, dass sich der Hörer an ihr verausgabt. Aus Ekstase in Erschöpfung abdriftet. Love Is Symmetry bietet dazu in all seiner Vielfalt genügend Gelegenheit. Man spürt, dass die Londoner in bester Tradition stehen, ab und an auch mit Siouxsie and the Banshees liebäugeln. Mit zittrigem Beat eröffnet das trotzige When They Put Me Back Together They Forgot To Turn Me On den zweiten Abschnitt. Längst ist sich auch die Band selbst bewusst, dass dieser starken Tour de Force kein weiterer Husarenritt folgen kann. A Smile On Both Your Faces ist der erste eher unauffällige Titel. Er soll allerdings auch der einzige bleiben. Denn bereits mit I Couldn’t Help Myself wird wieder drauflosgeballert, eine gediegen-schmissige Rotzgörigkeit zelebriert. Very british, alles prima! Das gilt natürlich auch für Side Effects, noch mehr für den Geheimtipp dieses Werks, nämlich Today Is The Tomorrow That They Promised Yesterday. Wie bereits der geistreiche Titel vermuten lässt, schleicht sich die Nummer hinterrücks an. Wispert sprechgesängelnd, gibt sich schwül wabbelnd. Stark! Zu guter Letzt gibt One Problem Always Changes To Another den fröhlich geträllerten Rausschmeißer, der ein grandioses Album leger ausklingen lässt.

Ich kann an an diesem Album keinen Mangel erkennen, bin allerdings auf das Haar in der Suppe ohnehin nicht sonderlich erpicht. Die Scanners haben nach den bereits bemerkenswerten Platten Violence Is Golden und Submarine nochmals einen gewaltigen Satz vorwärts gemacht. Darum komme ich auch zur felsenfesten Überzeugung, dass sich Love Is Symmetry keinerlei Tadel verdient hat. Wie jedoch geht man nun mit vernichtenden Kritiken um, die solch ein Juwel in Grund und Boden stampfen? Man wird mitunter derart sozialisiert, dass man gegenüber Destruktivität zur Milde neigt. Weil man mit ihr aus Gründen der Wohlerzogenheit nicht umzugehen weiß. Aber lassen wir uns Musik nicht von rabiaten Kritikern madig machen. Dann hätte das dekonstruktive Element gesiegt. Jetzt erst recht: Scanners hören!

loveissymmetry

Love Is Symmetry ist am 28.03.2013 auf Unter Schafen Records erschienen.

Konzerttermine:

14.04.2013 Hamburg – Molotow Bar
15.04.2013 Köln – Underground
16.04.2013 Berlin – Comet
17.04.2013 München – Muffatcafé
18.04.2013 Heidelberg – Halle 02
19.04.2013 Stuttgart – Zwölfzehn
20.04.2013 Bremen – Lagerhaus

Links:

Offizielle Homepage

Scanners auf Facebook

Kostenloser Download von Control (SoundCloud), State Of Wonder (SoundCloud) und Mexico (Rolling Stone)

SomeVapourTrails


Ein Kommentar zu “Gravitätische Eleganz und schmissige Rotzgörigkeit – Scanners

  1. Ein sehr, sehr enthusiastisches & leidenschaftliches Review/Feature für ein tolles Album einer symphatischen Band. Vielen Dank lieinthesound !

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