Im Gespräch mit Hope Sandoval

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DifferentStars:

If your best friend had to describe you with one word, which word would that be?”

Hope Sandoval:

Sunny…  silly.

hopesandoval

Freitag 13.00 Uhr – nach dem uns fast alle guten Geister der Technik verlassen haben, tippe ich die Nummer des Park-In Berlin in die Tasten meines Handys – dann blitzschnell von der Rezeption weitergeleitet, hab ich eine etwas überraschte Hope Sandoval am Apparat. Empört tönt mir ein “We said one” entgegen. Oh weh, denk ich mir.  Es ist 13.00.26  und ich sehen schon fast das Interview als wieder beendet an. Hope Sandoval gilt als eine der Interview-scheusten Künstlerinnen unserer Zeit. Gestandene Musikjournalisten sind schon gescheitert am Versuch, der Sängerinnen mehr als nur einsilbige Antworten zu entlocken. Mein Verstand schaltet schneller, als ich denken kann. Sommerzeit-Winterzeit-Umstellung “maybe that’s causing the trouble?” Ich biete an, eine Stunde später nochmal anzurufen – aber nein, Miss Sandoval mag doch jetzt mit mir reden.

Smalltalk zum Warmwerden. Ob sie einen besonderen Bezug zu Deutschland oder Bayern habe, will ich wissen und beziehe mich auf den Namen des ersten Hope Sandoval & the Warm Inventions Albums “Bavarian Fruit Bread“.

“It’s a secret message to somebody” antwortet mir Hope. Nettes Geplänkel meiner- und ihrerseits folgt. Geheimnisse müssen Geheimnisse bleiben – das Bavarian hätte mich interessiert, da ich bayrischer Abstammung sei… Sie wär noch nie in Bayern gewesen, würde aber gerne mal dorthin reisen, plaudert Hope gutgelaunt, meine Erwiderung, dort hätte sie auch mehr Glück mit dem Wetter als in Berlin, wird von ihr mit einem fast empörten “but the sun is shining” quittiert.

Wie ihre beste Freundin sie mit einem Wort beschreiben würde, beantwortet Hope mit “sonnig” nach kurzem Zögern fügte sie noch ein kleines “töricht” hinzu.

Die Frage aller immer wieder an alle Songwriter gestellten Fragen: Was sie dazu bewege, Songs zu schreiben? – “No Idea – I have always done it”. Es ist einfach so – sie hat es schon immer gemacht. Sie sei umrundet von Menschen, die Musik machen aufgewachsen, erzählt Hope Sandoval. “It was just supposed to be”. Es gäbe nicht den einen Songwriter oder Musiker, der sie inspiriert habe. Musik war schon immer Teil ihres Lebens. Sie höre im Moment gerne die Musik von  Beach House, verrät sie, diese klängen ähnlich wie Opal (Anm.: Die frühere Band ihres Mazzy Star-Partners David Roback).

Teil der Faszination von Mazzy Star und Hope Sandoval & the Warm Inventions Songs sind für mich die Lyrics, die meist eher in emotionalen Bildern sprechen denn Geschichten erzählen. Da lag die Vermutung nach lyrischem Schaffen abseits der Musik nahe. In ihrer herzlich direkten Art erwiderte sie:   Nein – Gedichte sind nicht ihre Sache. “Not that I hate poetry, I don’t hate poetry… I like Dylan Thomas, that’s all, he’s getting away with it.”

Zurück zur vermeintlichen Einsilbigkeit, die der Sängerin zugeschrieben wird. Darauf angesprochen, dass sie auf der Bühne nur wenige Worte – ein kurzes “Hallo” und Dankeschön ans Publikum richte und sonst nicht mit den Zuhörern rede, kontert sie: ” But I am talking to the audience. Cause when I sing I am talking. I am already talking…you know”. Kurz und knapp übersetzt: Sie spricht mit ihrer Musik zum Publikum.

Sie selber ginge nicht gerne zu Konzerten, bei denen die Musiker über die Songs redeten, oder übers Wetter, sie ginge hin um die Musik zu hören. Es sei genug “Hello” , “Thank you” und “Goodnight” zu sagen. Die Leute kämen auch nicht zu ihren Konzerten, um sie reden zu hören, außerdem wisse sie auch nicht, was sie sagen sollte.

Wie in unserem Konzertbericht und auch anderenorts beschrieben, Hope Sandoval tritt im Halbdunkel auf, meist abgewandt vom Publikum. Ihre Schüchternheit ist legendär. Darauf angesprochen, kommt sie schnell auf den Punkt. Ja, sie sei schüchtern, aber das sei normal, jeder normale Mensch würde sich unwohl fühlen, wenn er vor 300-500 Menschen auftreten würde und alle Augen auf ihn gerichtet wären, sie halte das auch nicht für natürlich: ” It’s just not natural… it’s not in our nature to do it. Some people are really good at it, but… that’s not a normal thing to do.”

Mit einem Wortschwall und dennoch ausweichend beantwortet sie die Frage, ob es auf der Tour Highlights gegeben habe, die die Mühe wert gewesen seien. Touren sei wichtig, es mache keinen Sinn eine Platte aufzunehmen und dann nicht live zu spielen. Es gehöre dazu…. Man lernt sehr schnell beim Interviewen von Hope Sandoval, dass ihre Musik ein Geheimnis ist, dass sie nicht analysieren oder kommentieren möchte. Gefragt, was für sie der Unterschied zwischen einem Soloalbum und einem Mazzy Star-Album sei, erwidert sie  schlicht und einfach: Sie arbeite mit unterschiedlichen Menschen zusammen, fügt noch hinzu, dass sie bei Hope Sandoval & the Warm Inventions auch Gitarre spiele, während sie bei Mazzy Star nur singe und die Songs mitschreibe.

Hope Sandoval arbeitet gerne mit anderen Musikern zusammen, dass wird schnell im Gespräch deutlich. Das aktuelle Album ist zusammen mit den Mitgliedern von Dirt Blue Gene entstanden, die auch sie auch auf Tour als Liveband begleiten und als Support-Act spielen.

Vielversprechend klingen die Pläne für die nächsten Monate:  “A decent recording in the next couple of month”, nach Abschluss der Tour wird im Studio an neuen Tracks gearbeitet. Diesmal sollen auch keine ganzen 8 Jahre vergehen, genau kann und will sich Hope Sandoval jedoch nicht festlegen, was den Release-Termin betrifft. “Bald”… “whatever that means”, fügt sie selbstironisch hinzu.

Konkreter wird’s was ihre Kollaboration mit Massive Attack betrifft, der Release von Weather Underground stünde kurz bevor. Hope Sandoval wird auf dem Album, das Anfang 2010 erscheint, bei zwei Liedern als Gastsängerin mitwirken. Gerade 2 Tage sei es her, da habe sie die fertigen Songs zum ersten Mal gehört. “I can absolutely relate to it. So far it’s pretty amazing”. Es sei sehr angenehm mit Massive Attack zusammen zu arbeiten, sie seien wirklich sehr talentiert, schwärmt Hope Sandoval.

Bleibt nur noch eins zu sagen: Das verdammte Aufnahmegerät wollte nicht so, wie es sollte. Entweder die Gerüchte um Miss Sandovals Einsilbigkeit sind maßlos übertrieben, oder dies war die nun schriftlich dokumentierte Weltausnahme aller Zeiten, die auf Band, noch viel länger geworden wäre  ;-)

Vielen Lieben Dank fürs Interview Hope Sandoval!

Gruß und Kuss nach Hamburg an Patricia Nigiani von Nettwerk fürs Möglichmachen.

DifferentStars



Im Gespräch mit Eamon McGrath

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Schöne Internet-Welt! Man hört einen überaus talentierten Vertreter seiner Zunft zum ersten Male, reagiert mit einem Ausruf der Begeisterung und bereits wenige Tage später befriedigt man per E-Mail seine Neugier und beginnt mit dem Musiker ein Pläuschchen. So geschehen aus Anlass der Veröffentlichung von 13 Songs Of Whiskey And Light, dem Querschnitt durch das bisherige Schaffen von Eamon McGrath. Über das famose Album habe ich bereits hier einige Worte verloren. Heute soll der Künstler selbst zu Wort kommen, im englischen Original-Ton und weiter unten in einer deutschen Übersetzung, die meine werte Co-Bloggerin DifferentStars beigesteuert hat.

Und nochmals der Hinweis: Eamon McGrath tourt diese Woche durch Deutschland. Wer kann, muss hingehen. Die Termine:

14.10.: Wittenberg – Crush
15.10.: Freiburg – Beatbar
16.10.: Offenbach – Der Waggon
18.10.: Winterthur (CH) – Club Dimensione
21.10.: Kassel – Kunsthochschule Underground

Eamon-Solo2B

Chris: You are touring in Germany soon. Is it the first time you’ll be visiting this country? If yes, how do you figure Germany? Are there some kind of stereotypes about it that come to your mind? By the way, I’m Austrian, so feel free to be frank. ;)

Eamon: I have been to Germany before and love it. Once before, I came to Germany on a basketball tournament and loved the way sports are approached: an intensely physical, all-encompassing experience: you get what you put it in, no one is afraid to get bruised. We were put up by athletes on another team and my point guard was being guarded by his billet so closely that when he took a charge his tooth went through his bottom lip, bled all over the floor of the gym, and then shook his hand at night after going to the hospital and served the guy dinner.
I am a huge fan of Die Brücke, Max Beckmann, german expressionism; very dark, serious, brooding art that is at the same time very humourous and sarcastic. I don’t really know if these qualities are all German stereotypes but they’re qualities I picked up on and took them to be very distinctly German characteristics: the ability to find humour in darkness, Bertolt Brecht, the idea of laughing at tragedy because it’s a more worthwhile to spend your time than crying. German punk bands like Slime always influenced me, coming out of these very intense and harsh time periods, very confusing times for German people, and making music that was very celebratory and made people want to get out of their seats and pogo.

Chris: I often wonder what it is that urges people to start writing songs. And I am always a bit surprised that most songwriters have no real explanation. What would be yours?

Eamon: I think that songwriting happens out of the kind of desire as I described in question 1: heartbreak, hangovers, sadness, headaches, etc…you write a song about these songs so you can celebrate them, not focus on the negative. That is I think the essence of the blues, a kind of music that instead of contemplating the undesirable makes kind of a mockery out of it by telling a story about it, saying that you won’t be defeated by it; blues musicians would have these songs that made people want to drink and dance, but they’re all singing about the women that have left them and the troubling times that have come before them getting to a stage. When they get to that stage, it’s not about those sad or dark things anymore, it’s about the lights and the love.

Chris: I’ve read in an Exclaim! article that you record an album every three months. Do you have any idea why your creative output is so exuberant compared to most other songwriters?

Eamon: It comes down to very simple or practical things actually. When I write a song I record it so I don’t forget it. When I record I might as well have people hear it, so I release it. My songwriting output is probably the same for any other songwriter, but whereas another songwriter’s songs might exist only on pen and paper mine exist on a stereo. I can’t read or write music so I write lyrics and record music and then learn what I’ve written afterwards. The recordings serve as a template for the live shows, that is always how I’ve done it.

Chris: Most of your albums so far were home recordings. You must be playing and recording all day and night long. Do your neighbors still greet you at all?

Eamon: Most of the home recordings are actually done all within a mixing board, except for the vocals and drums. Guitar sounds are all the sound of a guitar plugged right into a board through effects pedals, the way 80s punk bands like Reagan Youth did it: all those songs are guitars plugged straight into the board and then pegged to the red, they don’t waste time micing amps and to be honest when I was recording a lot of 13 songs of whiskey and light I didn’t have a guitar amp to use. I would just plug the guitar right into the mixer and put it through reverb pedals. The neighbours probably don’t even know that I record as much as I do.

Chris: Let’s take a closer look at the album 13 Songs of Whiskey and Light. Death is a common theme, drinking and taking drugs to cope with life another one. The somber tone of your songs makes me searching for the light in this album. Where do you see it in your work?

Eamon: The light is all in the songs, as with question 2 it’s the celebration at the end of the tunnel. You’ve written or performed a song about death or whatever, and then it doesn’t really become about that anymore at the end of it all. It becomes about something else: and for me whiskey and light can go both ways. Whiskey can start out being something that is a celebration and then end up being something that is very destructive and contagious. This goes for dark themes as well: they can be just as much about happiness as they are about sadness if the song is presented in a certain way.

Chris: Do you have personal heroes who influenced you as an artist? Or is your music the result of (self-)reflections and living conditions?

Eamon: I definitely have personal heroes. Gram Parsons is probably one of my biggest musical influences, I really believe in his idea of “cosmic american music,” that drew a line between folk, blues, soul, rock and roll, and saw it as all the same thing; the blues is present in all of that stuff. I would say that I kind of apply that theory to punk rock, noise music, hardcore; Gram just wasn’t alive long enough to see those ideas being carried out to a post-punk generation. Indie rock like Guided By Voices, noise bands like Wolf Eyes, hardcore punk like Black Flag, that’s all as much ‘cosmic american music’ as Hank Williams, Little Richard, Buck Owens, Otis Redding, Howlin Wolf, anybody. That’s what I take most of the music I’ve listened to, the music I love is all the same, whether it’s country, rock, soul, or anything. It all sounds the same to me, the records float very well between eachother to me.

Chris: Where do you see yourself in 5 years? Do you think that pursuing a decent career in music is still possible at all? These days record sales are decreasing, so many singers and bands try to gain attention. I guess that means that being an artist may become a part-time job. What is your estimation?

Eamon: I think that’s a very good question. People are still trying to adapt to the way that times have changed, some artists are stuck in a rut where they think that the pre-internet method of promoting music and performing are still the norm and they’re wrong. Touring is different now, releasing records is different, the market is different. I think audiences are still trying to figure out what it is they want to hear and see. Artists are trying to figure out what kind of artists they want to be. Music and art now has to incorporate all aspects of someone’s output, the days of the songwriter’s only duties being to write and record and tour are over. Now you are responsible for all the things that come with it: you have to be a promoter, a businessman, have a directive, as well as having a lot of talent, and some people aren’t really willing to undertake a task like that. For me as a musician when I started, I had to book my own tours, promote my own music, get my own press: I was a booking agent, publicist, as well as a musician. I learned all those skills and worked my ass off. That is the kind of thing that needs to happen now more and more. Now that I have help from White Whale, I can focus a little more on just recording/writing, but there’s still a lot of other things involved in that. That’s the kind of attitude that’s going to be necessary to get anywhere. The artists that think they can kind of just sit back and let someone else do that work for them or expect a handout are going to get lost in the current. You have to be really, really convincing now, and you have to pressure a lot of people into believing in what you do.
Five years from now I’ll be doing the same thing on hopefully a bigger scale. This kind of a situation isn’t going to change very soon, if at all. I’ll still be working the way I am. The efforts and energy will be the same but the scope will be bigger, it’s like blowing up a photograph. Everything kind of just gets expanded. First, you operate on a local level, then you kind of expand to a country, then a continent, and then you set your sights on the world. Everything just kind of balloons outwards. I really enjoy the do-it-yourself way of making music and I think that’s the kind of career I’d like to have. In 5 years I’ll probably be doing just what I’m doing right now, but the crowds will be bigger hopefully. A band like Wilco makes a great living playing shows. If people don’t buy as many records, I hope I can get them to come out to shows. I’d like to be able to book a tour of North America or Europe and know that there’s going to be 300 people at each show. I don’t really care if I have to work a day job for the rest of my life. This is what I do and I’m going to keep doing it.

Chris: Thanks a lot for taking time to answer my questions.

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Chris: Du tourst in Kürze durch Deutschland. Ist es das erste Mal, dass du dieses Land besuchst? Wenn ja, wie stellst du es dir vor? Fallen dir irgendwelche Klischees ein? Ich bin übrigens Österreicher, also kannst du ruhig ehrlich sein. ;)

Eamon: Ich war schon in Deutschland und liebe es. Ich hab’ Deutschland schon einmal Besucht, im Rahmen einer Basketball-Meisterschaft und liebte die hiesige Einstellung zum Sport: Eine intensiv physische, alles umfassende Erfahrung. Du bekommst, was du gibst, niemand hat Angst vor Prellungen. Wir waren bei Sportlern von anderen Teams untergebracht und mein Spielmacher (Point Guard) wurde von seinem Gastgeber so stark bewacht, dass als er angriff, dessen Zahn durch die Unterlippe stieß, er den ganzen Turnhallenboden vollblutete. Nachdem er abends im Krankenhaus war, schüttelte er ihm die Hand und servierte dem Typen Abendessen.
Ich bin großer Fan von „Die Brücke“, Max Beckmann, einem deutschen Expressionisten, sehr dunkel, ernst, tiefsinnige Kunst, die zur gleichen Zeit sehr humorvoll und sarkastisch ist. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Stärken deutsche Klischees  sind, aber sie sind Stärken, die ich aufnahm und als typisch deutsche Merkmale wahrnehme. Die Fähigkeit Humor in Düsterheit zu finden, Berthold Brecht, über Tragik zu lachen, weil es mehr wert ist, als deine Zeit mit Weinen zu verschwenden. Deutsche Punkbands wie Slime haben mich immer beeinflusst. Diese sind in diesen intensiven und rauhen Zeiten entstanden, sehr verwirrende Zeiten für Deutsche und  die Musikperformance  war sehr enthusiastisch und brachte Leute dazu von ihren Sitzen aufzuspringen und zu pogen.

Chris: Ich frage mich oft, was Leute dazu treibt Lieder zu schreiben. Und ich bin immer ein wenig überrascht, dass die meisten Liedermacher dafür keine wirkliche Erklärung haben. Was wäre deine?

Eamon: Meiner Meinung nach passiert das mit dem Songwriting einfach aus dem Begehren heraus, das ich in der Antwort zu der ersten Frage schon beschrieben habe. Gebrochene Herzen, Kater, Traurigkeit, Kopfschmerzen, etc… du schreibst einen Song über diese Songs damit du sie feiern kannst, ohne dich auf das Negative zu fokussieren. Das ist, denke ich, die Essenz des Blues, eine Art von Musik, die anstatt über Fehlentwicklungen kontemplativ nachzusinnen, sich darüber lustig macht, indem sie eine Geschichte darüber erzählt, wie man sich nicht unterkriegen lässt. Bluesmusiker machen Songs, zu denen Leute tanzen und trinken, aber alle singen über die Frauen, die sie verlassen haben und die mühseligen Zeiten, die sie durchmachen mussten, bevor sich die ersten Erfolge zeigten. Wenn sie erfolgreich sind, geht’s nicht mehr um diese dunklen oder traurigen Dinge, sondern das Scheinwerferlicht und die Liebe.

Chris: Ich haben in einem Artikel in Exclaim! gelesen, dass du alle 3 Monate ein neues Album aufnimmst. Hast du eine Ahnung, warum dein kreativer Output verglichen mit anderen Songwritern so überbordend ist?

Eamon: Das liegt ehrlich gesagt an ganz einfachen und praktischen Dingen. Wenn ich einen Song komponiere, nehme ich ihn auf, damit ich ihn nicht vergesse. Wenn ich sowieso aufnehme, dann kann ich das genauso gut andere Leute hören lassen, daher veröffentliche ich es. Mein Output als Songwriter ist wahrscheinlich der gleiche aller anderen Songwriter. Aber wo die Songs anderer Komponisten nur auf dem Papier bestehen, existieren meine in Stereo. Ich kann keine Noten schreiben oder lesen, daher schreibe ich die Lyrics auf und nehme die Musik auf Band auf, hinterher verstehe ich dann, was ich komponiert habe. Die Aufnahmen dienen als Vorlage für die Live-Shows, so hab ich’s immer gemacht.

Chris: Die meisten deiner bisherigen Alben waren Home Recordings. Du musst ja Tag und Nacht spielen und aufnehmen. Grüßen dich deine Nachbarn noch?

Eamon: Die meisten der Aufnahmen entstehen komplett im Mischpult, abgesehen vom Gesang und dem Schlagzeug. Gitarrensounds sind der Klang einer Gitarre, welche direkt ins Mischpult eingesteckt ist, und durch Effektpedale, wie es 80er-Punkbands wie Reagan Youth es machten: Alle diese Songs sind Gitarren, die direkt ins Pult eingesteckt wurden, bis in den roten Bereich gedreht. Sie verschwenden keine Zeit damit, Verstärker mit dem Mikro aufzunehmen und um ganz ehrlich zu sein, als ich 13 Songs of Whiskey and Light aufnahm, hatte ich keinen Gitarrenverstärker, den ich nutzen konnte. Ich hab einfach meine Gitarre direkt ins Mischpult gesteckt und hab es durch ein Echo-Pedal geschliffen. Meine Nachbarn wissen wahrscheinlich gar nicht, dass ich so viel aufnehme, wie ich es tue.

Chris: Lass uns das Album 13 Songs Of Whiskey And Light mal näher betrachten. Der Tod ist ein gängiges Thema, ebenso Suff und Drogenkonsum um irgendwie mit dem Leben fertig zu werden. Der düstere Ton in den Songs lässt mich nach dem Licht suchen. Wo siehst du es in deinem Werk?

Eamon: Das Licht ist in allen Songs. Wie schon in der Antwort auf die zweite Frage gesagt: Es ist die Feier am Ende des Tunnel. Man hat einen Song über den Tod oder was auch immer geschrieben oder gespielt und am Ende geht’s gar nicht mehr wirklich darum. Es geht um etwas anderes. Für mich kann Whiskey and Light beide Richtungen einnehmen. Whiskey kann aus etwas Feierlichem entstehen und in etwas enden, das sehr destruktiv und wie eine ansteckende Krankheit ist. Das gleiche gilt für dunkle Themen: Sie können zu gleichen Teilen von Freude handeln, wie auch von Traurigkeit, je nachdem, wie der Song präsentiert wird.

Chris: Hast du persönlich Helden, die dich als Künstler geprägt haben? Oder ist deine Musik das Ergebnis von (Selbst-)Reflektionen und Lebensumständen?

Eamon: Ich hab auf jeden Fall persönliche Helden, Gram Parsons ist wahrscheinlich einer meiner stärksten musikalischen Einflüsse. Ich glaube wirklich an die Vision der „Cosmic American Music“, die eine Linie zwischen Folk, Blues, Soul, Rock ‘n’ Roll zog und es dennoch als eine Einheit ansah. Der Blues kommt in all diesem Zeug vor. Ich würde diese Theorie auch auf Punk Rock, Noise Music und Hardcore übertragen. Gram war nur nicht lange genug am Leben, um zu sehen, dass diese Idee weitergegeben wurde an die Post-Punk-Generation. Indie Rock wie Guided By Voices, Noise Bands wie Wolf Eyes, Hardcore Punk wie Black Flag, das ist alles „Cosmic American Music“ wie auch Hank Williams, Little Richard, Buck Owens, Otis Redding, Howlin Wolf, jeder. Das ist mir am wichtigsten, an der Musik, die ich gehört habe. Die Musik, die ich höre ist immer alles das Gleiche, egal ob’s Country, Rock, Soul oder was anderes ist. Es klingt alles gleich für mich, die Platten fließen sehr gut ineinander über für mich.

Chris: Wo siehst du dich in 5 Jahren? Glaubst du, dass man eine vernünftige Karriere im Musikgeschäft noch anstreben kann? Heutzutage gehen die Plattenverkäufe zurück, viele Sänger und Bands buhlen um Aufmerksamkeit. Ich denke, dass das Künstlerdasein wohl zum Teilzeitjob verkommt. Wie ist deine Einschätzung?

Eamon: Ich denke, dass ist eine gute Frage. Die Leute versuchen immer noch sich daran anzupassen, wie die Zeit die Dinge verändert hat. Manche Musiker sind festgefahren in ihrer Meinung, dass die Prä-Internet-Methode des Musikpromotens und -spielens immer noch die Norm ist, aber sie liegen falsch. Auf Tour gehen ist heute anders, das Veröffentlichen von Platten ist anders, der Markt ist anders. Ich denke, das Publikum versucht immer noch herauszufinden, was es genau ist, das es sehen und hören möchte. Musiker versuchen herauszufinden, welche Art von Musiker sie sein wollen. Musik und Kunst muss jetzt alle Aspekte des Outputs integrieren, die Tage, in denen die einzigen Aufgaben eines Songwriters das Schreiben, die Tonaufnahmen und das Touren waren, sind vorbei. Heute bist du für alle Dinge, die damit zusammenhängen verantwortlich. Du musst ein Promoter, ein Geschäftsmann sein, eine Ausrichtung haben, ebenso wie sehr viel Talent. Und manche Leute wollen solche Pflichten einfach nicht auf sich nehmen. Als ich als Musiker anfing, musste ich meine eigenen Touren buchen, meine Musik selber vermarkten, mich selbst um die Presse kümmern. Ich war Booking Agent, Promoter, genauso wie Musiker. Ich hab mir all diese Fähigkeiten beigebracht und mir den Arsch abgearbeitet. Das ist genau die Sache, die immer mehr passieren muss. Jetzt da ich Überstützung von White Whale Records bekomme, kann ich mich mehr auf das Schreiben/Aufnehmen konzentrieren, aber es sind immer noch ne Menge mehr Dinge involviert. Das ist die Haltung, die notwendig ist, um etwas zu erreichen. Die Musiker, die glauben, sie können sich zurücklehnen und auf jemand anderen zu warten, der diese Arbeit für sie tut oder dass ihnen alles in den Schoß fällt, die werden im Strom untergehen. Du musst jetzt sehr, sehr überzeugend sein und eine Menge Leute dazu bringen, daran zu glauben, was du tust.

In fünf Jahren werd ich wahrscheinlich genau das gleich tun wie heute, nur auf einem höheren Lebel. Die aktuelle Situation wird sich nicht sehr bald ändern, wenn überhaupt. Ich werde immer noch genauso arbeiten wie heute. Die Anstrengung und Energie werden dieselbe sein, aber der Rahmen wird größer sein. Es ist wie eine Fotografie vergrößern. Alles wird nur größer. Erst arbeitest du auf lokaler Ebene, dann expandierst du in ein Land, dann einen Kontinent, dann richtest du deinen Blick auf die ganze Welt. Alles dehnt sich irgendwie aus. Ich genießen den Do-It-Yourself-Weg des Musikmachens sehr und ich denke, es ist die Art der Kariere, die ich haben möchte. In 5 Jahren werd ich wohl genau das tun, was ich jetzt auch mache, aber die Zuschauermenge wird hoffentlich größer sein. Eine Band wie Wilco verdient gutes Geld mit ihren Live-Shows. Wenn Leute nicht mehr soviel Platten kaufen, hoffe ich sehr, dass ich sie dazu bringen kann, zu den Konzerten zu kommen. Ich wäre gerne dazu in der Lage eine Tour durch ganz Nordamerika oder Europa zu buchen und zu wissen, dass dort jeden Abend 300 Zuschauer sind. Es ist mir ziemlich egal, ob ich für den Rest meines Lebens einem Brotjob nachgehen muss. Das ist das was ich tue und ich werde es weiter machen.

Chris: Danke, dass du dir Zeit für ein Gespräch genommen hast.


Im Gespräch mit Mein Mio

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Rechtzeitig zum Start der Mini-Tour der in Berlin beheimateten Band Mein Mio wollen wir das aus Anlass der Veröffentlichung des Debüts Irgendwo in dieser großen Stadt in den letzten Wochen ausgerufene Special mit einem Interview krönen, welches an einem sonnigen August-Wochenende in einem lauschigen Café im Graefekiez mit Sänger Sebastian Block und Gitarrist Simon Goldfain entstand.

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Foto: Philipp Nowak

Lie In The Sound: Erste Frage. Was ist euer Lieblingssong des Album?
Sebastian: Ich fang an. Es gibt immer.
LITS: Ist auch mein persönlicher Favorit. Und deiner?
Simon: Frag mich nochmal.
LITS: Wie entsteht so ein Song überhaupt? Sebastian, du hast die Idee, schreibst die Lyrics und dann macht ihr euch zusammen Gedanken über die Musik?
Sebastian: Die schreib ich auch schon an der Gitarre.
LITS: Du bist also wirklich derjenige, der alles schreibt und mit der Band dann die Arrangements entwickelt?
Sebastian: Also, wir versuchen das jetzt ein bisschen anders zu machen. Die meisten Songs waren ja schon fertig, als die Band gegründet wurde.
LITS: Ich empfinde Texte von Mein Mio als sehr poetisch und eben nicht pseudointellektuell. Das ist ja eine Falle, in die viele Musiker hierzulande tappen. Hast du eigentlich immer auf Deutsch getextet, bist du nie auf die Idee gekommen, etwas auf Englisch zu probieren?
Sebastian: Klar. Es reicht aber bei mir nicht über ein Schulenglisch hinaus. Wenn ich ein bisschen mehr Pep im Song haben wollte, hab ich gleich in ein Wörterbuch geguckt und mir dort ein ganz kompliziertes Wort rausgesucht, damit es irgendwie so klingt, als wenn ich was von Englisch verstehe. Das fand ich Quatsch. Wenn man damit anfängt, kann man gleich aufhören.
LITS: Im Frühjahr ist eine Scheibe von Cargo City rausgekommen. Da ging es mir zumindest so: Super Melodien, aber Songtitel wie Flowershops in Hospitals klingen für mich ein wenig gestelzt. Da würde ich zum Beispiel raten,  es mit deutschen Texten zu versuchen.
Simon: Hast du gemerkt, dass es süddeutschen Bands oft viel schwieriger fällt, auf Deutsch zu singen als norddeutschen Bands? Ich weiß nicht, woran das liegt.
LITS: Den Sportfreunden Stiller ja nicht…
Simon: Aber das ist Fußballmusik!
LITS: An ihren Lyrics kann man doch nichts aussetzen. Sind eingängig, oder?
Sebastian: Ich find die auch nicht schlecht. Die haben so eine Naivität, das mag ich auch selber.
LITS: Welche deutsche Band, die auch auf Deutsch singt, findet ihr denn toll? Welche Vorbilder habt ihr?
Sebastian: In Deutschland gibt es nicht so viele Vorbilder.
LITS: Also hast du nicht in deiner Jugend bereits Grönemeyer bis zum Abwinken gehört.
Sebastian: Nie. Eigentlich überhaupt keine deutschsprachigen Sänger.
Simon: Also ich kann die Frage gar nicht beantworten. Meine Vorbilder haben alle Russisch gesungen. Es gibt bestimmte deutsche Bands, die ich respektiere und bewundere. Auch Grönemeyer, obwohl ich nicht der ultimative Fan seiner Musik bin. Jedes Mal, wenn ich irgendwo im Auto sitze und seine Musik läuft, dann halte ich schon inne und höre zu. Wir sind Helden bewundere ich total. Ich hab die mal kurz kennengelernt. Das sind sehr entspannte Menschen. Ich hab mich tierisch blöd angestellt und sie total angehimmelt. Aber die waren total locker und haben mir nicht das Gefühl gegeben, ich hätte mich blöd benommen. Das war mir richtig peinlich und das nächste Mal hab ich mich dann entschuldigt.
LITS: Und du hast niemanden, der dich derart beeinflusst hat, dass du gleich die Gitarre gezückt hast.
Sebastian: Die Beatles waren das einfach. Da war ich 15 und hab ziemlich viel Sechziger-Jahre-Musik gehört.
LITS: Ich hänge ja der These an, dass sich Geschmack relativ früh ausprägt. Was war eure erste CD, die ihr euch jemals gekauft habt?
Sebastian: Mein Geschmack hat sich erst relativ spät ausgeprägt. Ich glaub meine erste CD war Dance Mission. (lacht)
Simon: Meine erste Kassette, nachdem ich in Deutschland ankam, war 4 Non Blondes. Aber das hat mich nicht geprägt.
LITS: Wie schätzt ihr die nähere Zukunft von Mein Mio ein? Wartet ihr die Verkaufszahlen ab, das Echo auf der Tour? Habt ihr schon neue Songs fürs Nachfolgealbum? Oder steht und fällt das Projekt mit den Reaktionen auf das Debüt?
Sebastian: Die Ideen sind da. Es gibt große Lust, was Neues zu machen. Dennoch muss man abwarten, wie das alles funktioniert. Wie das nächste Jahr aussehen wird, das ist entscheidend. Ich weiß nicht, ob es scheitern wird, wenn der Erfolg ausbleibt, aber ich denke, dass wir es dann zurückschrauben werden. Wir müssen ja irgendwann auch Geld verdienen.
Simon: Wir sind relative Spätzünder, weil wir alle im Durchschnitt 30 sind und eben unser Debütalbum veröffentlichen. Wären wir 10 Jahre jünger, wäre es einfach. Zum Beispiel größere Unterstützung der Eltern. Der finanzielle Druck ist auf jeden Fall da. Wir hoffen, dass die Platte sich verkauft.
LITS: Welchen finanziellen Rückhalt bekommt ihr seitens des Labels (Sound Guerilla/DA Music)?
Sebastian: Außer der Promotion wird nichts bezahlt. Auch nicht die Produktionskosten. Wird sich vielleicht ändern, wenn sie nochmal was mit uns machen, sehen das wir funktionieren.
Simon: Für das Label war es auch ein Experiment. Der Deal ist relativ hart. Andererseits haben wir keine finanziellen Risiken, wir tragen die Promokosten und Presskosten nicht. Auch die Einnahmen von Konzerten bleiben bei uns.
LITS: Was war denn das kleinste Konzert, das ihr gespielt habt?
Sebastian: Im Lindenpark haben wir in einem Raum für 1000 Leute vor 35 Gästen gespielt, da waren wir Support für Radiopilot.
Simon: Ist ein riesiger Club mit einer riesigen Bühne und da steht ein Häufchen vor dir. Das ist um einiges trauriger als in nem kleinen Club zu spielen. Du kannst in einem kleinen Raum auf jeden Falle eine Interaktion entwickeln, das Publikum eher irgendwie einbeziehen.
LITS: Wird eine zweite Single-Auskoppelung kommen?
Simon: Die Promo-Agentur meint, es wäre nicht schlecht, eine zweite Single im Oktober hinterher zu schmeißen. Aber wir wissen noch gar nichts, das entscheidet das Label.
LITS: Ihr habt ja immerhin geschafft, dass eure erste Single gleich physisch erscheint und nicht bloß als digitaler Download auf iTunes. Das ist ja nicht selbstverständlich.
Simon: Ich hab mich auch gewundert. Es lag daran, dass die Plattenfirma auch ein Presswerk hat, deshalb war es kein so großer Aufwand.
LITS: Habt ihr auch ein Musikvideo geplant?
Simon: Wir persönlich haben noch kein Budget für ein Video. Mal kucken, wie das Album anläuft.
Sebastian: Ich hätt schon Lust auf sowas. Aber die wollen eben die Single abwarten. Wär gut fürs Internet, etwas Visuelles zu haben. Nicht bloß immer ganz klein auf irgendwelchen winzigen Live-Mitschnitten.
LITS: Wie wichtig ist für Mein Mio der Umstand, dass ihr alle eure eigenen Solo-Projekte durchzieht. Schafft das die nötige Distanz zur Wahrung der Bandharmonie? Oder tut ihr das, weil ihr an kreativer Überproduktion leidet? Ich hab heute kurz in Sebastians Solo-Album reingehört, das klingt schon abgespeckter.
Sebastian: Mich packt immer irgendwas, dann muss ich was Neues ausprobieren, passt halt nicht immer unbedingt zur Band. Es ist aber nicht so, dass ich totale Überproduktion habe.
LITS: Du siehst dich also schon eher als Bandtyp, der keine großen Solopfade anstrebt?
Sebastian: Das wird es für mich immer so nebenbei geben, außerhalb der Band ganz unkompliziert zu arbeiten.
Simon: Ich leide auch nicht an kreativer Überproduktion. Wenn ich was mache, dann sehr selten und sporadisch. Du hast schon recht, manchmal brauch ich das, um Distanz zu haben. Eine Band ist ne Band, das ist wie Familie. Du wohnst mit diesen Menschen in einem Haus, doch manchmal musst du rausgehen, um zu merken, wer du eigentlich bist. Dann kehrst du zurück und bist ein wertvolleres Mitglied der Familie geworden.
LITS: Wen seht ihr eigentlich als eure Zielgruppe?
Sebastian: Wir haben kein Produkt gemacht, das auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet ist.
Simon: Wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht, aber es kristallisiert sich doch heraus. Unser Fanclub ist so um die 20, aber Jugendsender wollen uns dennoch nicht haben. Wir sind zu alt. Es sind die gesitteten Erwachsenen-Stationen, die positives Feedback bekommen.
LITS: Ich habe Euch auch schon live im Konzert erlebt. Wenn ich mir jetzt das Album anhöre, wirkt es für mich ein wenig schaumgebremst. Es hat nicht diese Energie und Dynamik. Hat das mit dem Schielen auf eine gewisse kommerzielle Glätte zu tun? Oder hängt dies damit zusammen, dass es bei euch live einfach rockiger zur Sache geht?
Sebastian: An den kommerziellen Faktor haben wir eigentlich gar nicht gedacht. Der Sound liegt zum großen Teil am Produzent, mit dem wir das Album aufgenommen haben.
LITS: Manche Bands sind live eine Katastrophe und manche sind live wesentlich besser als im Studio. Würdet ihr die Produktion nochmals so machen?
Sebastian: Von mir aus nicht. Ich fände es durchaus eine Variante, das Ganze live einzuspielen.
LITS: Das Album ist ja sicher eine Referenz an Berlin. Wieviel Inspiration hat euch die Stadt gegeben?
Sebastian: Es sind nicht alle Songs hier in Berlin entstanden.
LITS: Aber Großstadtmärchen sind ja doch das zentrale Thema…
Sebastian: Das hat sich schon herauskristallisiert. Ich schreib über mich und meine Gefühle und da spielt die Stadt eine große Rolle.
LITS: Könnten diese Songs auch in Hamburg entstehen?
Sebastian: Ich hab noch nie in Hamburg gelebt. Deswegen kann ich das überhaupt nicht sagen.
LITS: Du sagst die Lieder sind nicht nur in Berlin entstanden. Wo sind sie denn sonst noch entstanden?
Sebastian: Ich hab vorher in Potsdam 3 Jahre gelebt. Viele sind auch unterwegs entstanden. Vorsicht an den Türen ist direkt in der Bahn entstanden.
LITS: Das Lied ist ja vom Text her mit Abstand das schrägste. Wie kommt man auf so einen Refrain?
Sebastian: Ich hab in der Bahn gesessen, bin damals von meiner ehemaligen Freundin losgefahren, waren 3 Stunden Zugfahrt und hatte die ganze Zeit diesen Spruch vor mir.
LITS: Kommen wir nun zum Thema Internet. Was bringt euch MySpace, wie steht ihr dazu?
Sebastian: MySpace ist ne super Plattform, um Kontakte aufzunehmen zu anderen Bands und Musikern. Ich weiß nur nicht, wie stabil das alles ist, die ganze Fangemeinde, die man hat. Manchmal hat man das Gefühl, es sind ganz viele da, und manchmal, dass keiner da ist. Ich weiß nicht genau, ob nicht auch Informationen untergehen wegen der vielen Werbung, mit der man zugeschüttet wird. Ich hab schon darüber nachgedacht, ob man nicht zurückgeht auf eine ganz normale Homepage und das andere als Fanseite laufen lässt. Also nichts, was man selber macht.
LITS: Ist MySpace vielleicht nur zeitintensiv? Oder sieht man am Ende des Tages, dass Leute dem Link auf Amazon folgen und das Album auch kaufen?
Simon: Es hängt sehr von der Musikrichtung, die man macht, ab. Bei etwas ernster Musik wie Jazz bringt es sehr wenig. Ich hab das Gefühl, dass es bei Pop gut funktioniert. Oder auch bei trashigen Sachen und bei visuellen Konzepten wie sie Bonaparte haben.
LITS: Bei MySpace verschwimmt ja oft die Grenze zwischen Fans und Freunden…
Sebastian: Ich find es eigenartig, dass manche Leute das Konzept von MySpace nicht durchschauen. Dass man als Band einfach Freunde added, um sich zu promoten. Es kommen oft ältere Leute auf die Konzerte, die dann sagen “Ach, wie seid ihr gerade auf uns gekommen? Find ich ja schön.” Wo man dann ganz toll sehen muss, dass man nicht Falsches sagt. Es gibt Leute, die sagen: “Du, ich bin Janine von MySpace“. Ich weiß halt nicht mehr, wer Janine von MySpace ist. Bei 5000 Freunden…
Simon: Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht in Verkaufszahlen spiegelt, wieviel Freunde man auf MySpace hat. Tausende Freunde adden bringt nichts, das ist einfach Pauschalität, man muss schon seinen Hörer suchen.
LITS: Verkauft ihr eure Scheibe eher bei Live-Konzerten oder glaubt ihr daran, dass ihr im Internet dann doch auch CDs an den Mann/an die Frau bringt?
Sebastian: Beides funktioniert. Für uns wichtig ist, dass die Leute auf Konzerte gehen und die CDs kaufen, weil wir nur dann wirklich was daran verdienen.
LITS: Gibt es Fans, die auf jedes Konzert gehen?
Sebastian: Ja, die haben wir. Die machen den Support für uns, verteilen Flyer, nehmen uns gern ne Menge Arbeit ab.
LITS: Stichwort Filesharing. Habt ihr schon mal geschaut, ob eure Songs getauscht werden?
Simon: Unsere Songs nicht. Mal abwarten. Aber ich hab nen Freund in Russland. Er hat in einem Torrent-Aggregator seine Sachen gefunden und die Torrent-Leute dann angeschrieben und gebeten, die Sachen runter zu nehmen. Die meinten “Geben Sie uns die Nachweise, dass sie tatsächlich der Urheber und Rechtsinhaber sind“. Wo aber hast du ein Dokument her, dass du deine eigenen Songs geschrieben hast? Jedenfalls wurde das auf der Torrent-Seite gepostet, und da waren dann Kommentare wie “Ich hab grad seinen Blog durchgelesen, ich glaub ich werd es doch nicht runterladen, ich werd mir die Teile kaufen“. Er meint, es ist sehr wichtig, den Leuten klarzumachen, was sie damit anrichten. Dass es jemanden gibt, der sich dadurch beraubt fühlt.
LITS: Wir danken für das Gespräch.

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