Ein Hauch von Boheme – PHOX

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Chic ist Schicksal, man kann ihn sich nicht einfach antrainieren. Am Beispiel von Monica Martin, ihres Zeichens Frontfrau der US-Band PHOX, lässt sich diese natürliche Begabung in vollster Pracht bewundern. Martin verfügt über eine Stimme zum Hinknien, die vor Noblesse und Leichtigkeit nur so strotzt. Die Art ihres Gesangs erscheint besonders. Auf PopMatters habe ich eine sehr gelungene Begründung dafür gefunden: “[S]he has a distinctive way of phrasing. She sings each word or phrase as if the words come to her as a pleasant surprise.” Martins kultivierter Vortrag wirkt wie aus dem Handgelenk geschüttelt, von einer natürlichen, spontanen Eleganz beseelt. Darin liegt fraglos einer der Verzüge der in Wisconsin beheimateten Formation. Doch wäre es zu kurz gegriffen, dass gleichnamige Debüt PHOX auf eine richtiggehend durch die Boxen schleichende Ausstrahlung der Sängerin zu reduzieren. Wie hier Soul, Folk und Pop auf das eine oder andere jazzige Element und manch karibischen Einfluss trifft, ein Hauch von Boheme durch das Songwriting weht, all das wird Feingeistern geradezu auf der Zunge zergehen.

Photo Credit: Pip for Partisan Records

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Release Gestöber 58 (M185, earnest and without you, Pompeii)

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M185

Im Grunde gibt es doch vier Sorten Bands. Zunächst die gemachten Acts, bei denen im Hintergrund ungezählte Hände herumfingern, um ein möglichst gutverkäufliches Produkt zu fertigen. Dann noch die vermeintlich selbstbestimmten, erfolgreichen Bands, die ihre Songs jedoch ganz und gar darauf ausrichten, was die Zielgruppe von ihnen erwartet. Keep the customer satisfied, oder so. Weiters existieren Legionen von Formationen, die ohne Plan und Talent drauflosträumen. Und schließlich findet sich noch eine kleine Schar derer, die einen ganz eigenen musikalischen Zugang ohne Kompromisse hegen und pflegen. In letztere Kategorie fallen M185. Ihr Indie-Rock wird mit Verve vorgetragen und von einzigartiger gesanglicher Lässigkeit geadelt, erschallt angeraut, verlärmt. Derart stark präsentiert sich die Wiener Formation, dass ich über die Platte Let The Light In 2011 nur positive Worte verloren habe. Schon damals unterstellte ich ihrem Tun eine gemütsaufhellende Wirkung. Und genau dies lässt sich auch manch Nummer des im Frühjahr erschienen neuen Album Everything Is Up attestieren. Noch immer verkörpern M185 all das, was Indie-Rock anziehend macht. Stehen für einen Sound, der nicht nach Erfolgsformeln grübelt, sondern den Spaß am forschen Spiel in den Vordergrund rückt, sich Marotten leistet. Zu den Highlights des Albums zählt Soon, das mit einem sympathisch-kauzigen, dem Big Muff huldigenden Video für Schmunzeln sorgt. Es ist ein ausgemachter Wohffühltrack, dessen quirliger Geist und eingängiges Wesen den Neunzigern entstammt. Ähnliches gilt es über ShShSh zu sagen, welches sich im Refrain herrlich deftig und groovig gibt. Wolfram Leitners immer wieder ins Sprechen abgleitender Vortrag ist das große Pfund der Platte. Während die beiden genannten Lieder unvermittelt zum Höhepunkt emporschnellen, tingelt Two-Tone Song (Out Of Here) im Kontrast von Rhythmussektion, Keyboard und einem auffällig erzählerischen Gesang dahin. Als weitere Glanzlichter eines ohnehin kurzweiligen Albums glänzen gegen Ende noch Spring Thing und das sich Mal für Mal stärker entfaltende Shuffled. In manch Momenten ist dies Stadionrock, der ums Verrecken keiner sein will und gerade darum besticht.

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Und der Canasta-Club klatscht Beifall – Kyla La Grange

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Wer möchte das nicht, irgendwann einmal im Rentneralter den Enkeln – zumindest aber den übrigen Mitgliedern des Canasta-Clubs – voller Stolz erzählen, wie man denn einst den Baustein gelegt habe, dass man nun im hohen Alter ein sehr gutes Auskommen finde. Und ich drücke der britischen Singer-Songwriterin Kyla La Grange wirklich beide Daumen, dass sie in 50 Jahren auf 2014 zurückblicken und ihr Zweitlingswerk Cut Your Teeth als finanziellen Durchbruch ansehen darf. Denn aus der künstlerischen Perspektive ist dieses Album doch ein großer Rückschritt in der noch jungen Karriere. Es fällt schlichtweg mainstreamig und fehlproduziert aus, kann sich nicht am überragenden Debüt Ashes messen, mit welchem sie mich zu begeistern wusste. “Kyla La Grange tritt mit Siebenmeilenstiefeln in die Fußstapfen einer Florence Welch! Und sie passen in der Tat wie angegossen.” hatte ich anlässlich ihres Debüts notiert. Und das auf große Melodien, kräftige Gefühle und atemberaubenden Pathos zurückgeführt. Wo auf Ashes Drama-Pop mit folkiger Note zündete, präsentiert sich Cut Your Teeth in neuem Gewand, mit Synthies verbrämt und um keinerlei orchestrale Opulenz verlegen. Bei dieser Platte dominiert Kommerz statt Emotion.

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Hinterwäldlerische Authentizität – Alana Amram & The Rough Gems

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All die kultivierten Singer-Songwriterinnen mit ihren tönernen Seelchen, die mit traurig-schnuckeligen Glubschaugen durch die Stadt wandern! All die jungen, emotional aufgebretzelten Liedermacherinnen, die in die einsame Wildnis ziehen, um in abgeschiedener Genügsamkeit Sinn und Sein und Gänseblümchen zu suchen! All sie darf und soll es geben. Aber ich schätze auch die in Flanell gehüllte Landpomeranze, die Hemdsärmeligkeit statt Mädchenhaftigkeit versprüht. Eine raukehlige wie poetische Urtümlichkeit ist keine Schande. Und genau diese strahlt die Amerikanerin Alana Amram aus. Zusammen mit ihrer Begleitband The Rough Gems tourt sie im Herbst durch Europa, mit im Gepäck ein wirklich gelungenes Album namens Spring River. Mit einer kräftigen Mischung aus Rock, Folk und Alternative Country bietet die Platte Americana vom Feinsten. Es ist die Sorte Musik und die Art von Gesang, die sich die Authentizität durch ungezählte Meilen auf amerikanischen Backstreets angeeignet hat.

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Unberechenbarer Grandseigneur – Mark Lanegan Band

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Man hört es ja immer wieder, ein Musiker oder eine Band nehmen Dutzende Songs auf, von denen es dann eine handverlesene Auswahl auf ein Album schafft. Was jedoch geschieht mit dem Rest? Mit jenen Liedern also, die zwar als würdig genug angesehen wurden, aufgenommen zu werden, aber letztlich eben nicht für die Platte auserkoren wurden. Mitunter verwerten namhaften Acts dies auf Deluxe-Bonus-Special-Editionen, oder aber solche Ausschussware verharrt im Archiv und wird irgendwann einmal gleich einem Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Man denke etwa an an das vier CDs umfassende Tracks von Bruce Springsteen. Und auch The Cure sollen von ihrem letzten Album 4:13 Dream von 2008 noch die eine oder andere Aufnahme in petto haben, die demnächst doch noch die Plattenregale erblicken werden. Der famose Mark Lanegan hat sich dagegen einen anderen Zugang überlegt. Als Mark Lanegan Band veröffentlicht er die Überbleibsel auf einer EP namens No Bells On Sunday, kündigt damit das später im Jahr erscheinende Album Phantom Radio an. Herr Lanegan lässt somit ohne Not eine 5 Stücke umfassende EP auf den Hörer los. Angesichts der zahllosen Kollaborationen hat man aber ohnehin das Gefühl, dass kein Jahr verstreicht, in welchem der umtriebige Amerikaner nicht mit mindestens einem neuen Werk um die Ecke kommt. Diese Handvoll Songs muss also doch außergewöhnlich sein, wenn das Format EP bemüht und von der Länge her sogar ausgereizt wird.

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Chaos am Buffet – Trans Am

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Was ist wohl lebensgefährlicher? Sich mitten auf eine frequentierte Autobahn zu stellen oder aber sich bei einer Veranstaltung vor dem Buffet zu positionieren, um stolz zu verkünden, dass selbiges nun eröffnet sei? Jede Schlacht ums Buffet radiert hundert Jahre zivilisatorischen Fortschritts binnen weniger Minuten aus. Wir lieben die Vielfalt, die uns ein üppig angerichtetes, abwechslungsreiches Büffet bietet. Alle erdenklichen Canapés dürfen es sein, natürlich sollen auch mit Oliven oder Cocktailtomaten verfeinerte Käsespießchen sowie Garnelenringe nicht fehlen. Je kunstvoller und vielfältiger die Kalten Platten drapiert sind, desto lustvoller und sabbernder wühlen wir darauf herum. Wir delektieren uns an der breiten Palette von Köstlichkeiten. Umso eigenartiger finde ich es, dass wir es etwa bei der Musik gerne kohärent haben. Ein Album hat gefälligst einen vorherrschenden Musikstil aufzubieten, ein Zuviel an Abwechslung überfordert uns. Dann bemängeln wir fehlende Durchdachtheit. Eine Schallplatte muss zehnmal die gleiche Soße anbieten, die sich lediglich in Nuancen unterscheiden darf. So mag es der Durchschnittshörer. Und aus diesem Grund wird Volume X der US-Trios Trans Am auf wenig Gegenliebe stoßen.

Trans Am ist ohnehin die Sorte Band, die man zwar dem Namen nach kennt, von der man aber so gar nichts im Plattenschrank stehen hat. Mit ihrem zehnten Album hat die Formation allerdings endgültig den Vogel abgeschossen und viele potentielle Fans vergrätzt. Denn sie beackert berserkhaft die Musikgeschichte, gerade so als müsste sie uns hier und heute in einem Crashkurs erklären, was gestern und vorgestern angesagt und modern war. Volume X ist – mit Verlaub – Kraut und Rüben. Schon die ersten zwei Songs unterstreichen diesen wirren Genre-Mix. Der Opener Anthropocene etwa ist so gut, wie synthielastiger Rock nur sein kann. Weiterlesen »


Espenlaub für Puristen – Mirel Wagner

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Wir müssen über Hautfarbe reden. Weil all der schöne Schein der Gleichberechtigung aller Rassen und Geschlechter letztlich doch trügerisch ist. Denn noch immer bestimmen Herkunft und Aussehen die persönliche Entwicklung. Betrachten wir doch nur einmal das weite Feld der Musik. Indie-Rock-Kapellen etwa sind weltweit von den Spröss­lingen der weißen Mittelschicht dominiert. Die in westlichen Ländern reüssierenden Singer-Songwriterinnen sind in aller Regel porzellanblass und fragil. Rapper dagegen sind in angloamerikanischen Raum schwarz, in Deutschland überwiegend türkischer oder arabischer Abstammung. Und was wäre eine Euro-Trash-Truppe ohne Quoten-Schwarze? Neun von zehn Souldiven haben eine ganz bestimmte Hautfarbe. So bestätigt und festigt Musik jeden Tag neu all unsere Vorurteile. Ethnische Zugehörigkeit und sozialer Ursprung prädisponieren unser Tun, leider. Am augenscheinlichsten wird dies, wenn wir uns einer Ausnahme gegenübersehen. Nehmen wir etwa Mirel Wagner, eine junge Finnin äthiopischer Abstammung, die als Baby adoptiert und in der Vorstadtbeschaulichkeit Helsinkis sozialisiert wurde. Wagners Liedermachertum ist von Reduktion und stoischem Sehnen geprägt, einer ohne Fisimatenten tönenden Stimme wird eine meist akustische Gitarre beigefügt, die Grundstimmung mit der einen oder anderen bluesigen Note veredelt. Ihr zweites Album When The Cellar Children See The Light Of Day begeistert als zitterndes Espenlaub für Puristen, welche Sentimente ohne Popanz schätzen. Solch skelettierter Sound spottet nämlich Erwartungshaltungen, besetzt keinerlei Klischees.

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In Zeiten wie diesen – Tiny Fingers

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Es mag bessere Tage als die derzeitigen geben, um über eine israelische Band zu schreiben. Und auch wenn die im Folgenden vorgestellte Musik keine Rückschlüsse auf die Herkunft zulässt, keinerlei politisches Statement beinhaltet, kommt man an der israelischen Provenienz nicht vorbei. Israel ist wie praktisch kein anderes Land mit positiven wie negativen Assoziationen aufgeladen. Israelis nimmt die Weltöffentlichkeit in erster Linie als Staatsbürger und Mitglieder einer Religionsgemeinschaft wahr, erster in zweiter Linie wird er oder sie als Individuum mit Befähigungen angesehen. So wichtig ich es gerade im Bereich der Kunst finde, dass etwa Musiker (gesellschafts-)politische Positionierung vornehmen, so notwendig erscheint es mir im konkreten Fall, dass man bei israelischen Künstler nicht zuerst Botschaften oder Standpunkte wittert, sondern das Ohr an den Puls der Kreativität legt. Und davon hat beispielsweise die Formation Tiny Fingers durchaus einiges zu bieten. Das endlich auch in Deutschland erscheinende Album Megafauna imponiert durch seine hochenergetische Mischung aus Prog-Rock und Post-Rock.

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Release Gestöber 57 (Alvvays, Erasure, PHOX, O)

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Alvvays

Für ein wenig lärmigen, genüsslich versponnenen Indie-Pop samt melodischem Lieblichkeitsfaktor steht das aus dem kanadischen Toronto stammende Quintett Alvvays. Der niedliche Esprit ihres gleichnamigen Debüts Alvvays beschert dem Hörer ein Genre-Highlight des Jahres. Die Band um Sängerin Molly Rankin besticht durch einen von warmer Melancholie und gedämpfter Sonnigkeit verklärten Sound, dessen DIY-Flair irgendwo zwischen der Unbeschwertheit kalifornischer Strände und vorwitzigem, britischem Gitarrenpop verortet ist. Die Platte strotzt vor Songs, die Dopamine ausschütten, freilich ohne dabei zombiehaft-selige Dauergrinsen zur Schau zu stellen. Das Album besticht durch eine Jugendlichkeit, der man voller Lob in die Wange kneifen möchte. Als Highlight imponiert etwa das in wunderbarem Lo-Fi angeschrammelte Archie, Marry Me, auch Ones Who Love You lässt das Herz höher springen. Das Zusammenspiel aus Rankins juvenilem Fühlen und der wie durch einen nostalgischen Schleier hervorquillenden Gitarre Alec O’Hanleys macht den Zauber des Werks aus. Weitere Glanzlichter eines durch die Bank famosen Erstlings sind Party Police oder auch das shoegazig angehauchte The Agency Group. Alvvays besitzen ein Händchen für Hooklines, für eingängige Refrains, die auch schon mal in Richtung Twee-Punk schielen. Diese Platte hat Pfiff, versprenkelt retroesken Charme, kann sich stets auf einen patenten bis kecken Gesang verlassen. Sogar das in fahle Synthies gehüllte, gemächlich-nachdenkliche Red Planet steht der Platte gut zu Gesicht. Wo manch Band ein Schema F auf Albumlänge auswälzt, wartet der gewitzte Sound von Alvvays mit Ideen quer durch den Gemüsegarten auf. Wer ein lebendig-sommerliches Album mit dem einen oder anderen melancholischen Ornament sucht, wird an diesem Werk nichts, rein gar nichts auszusetzen haben!

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Brückenschlag zwischen Moderne und Überlieferung – Kasai Allstars

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So sehr Europa auf seine regionalen musikalischen Identitäten pocht, gefühlte Lichtjahre etwa den Balkan Brass vom Irish Folk trennen, so neigt doch selbst der kultivierte Europäer dazu, Musik vom afrikanischen Kontinent samt und sonders in eine Schublade zu stecken. Was außerhalb westlicher Traditionen steht, wird als Weltmusik klassifiziert. Solch Etikett muss reichen. Und obwohl auch ich kein Experte für afrikanische Diversität bin, sehe ich in musikalischer Hinsicht doch ein Spannungsfeld dreier Stoßrichtungen. Zum einen die bisweilen fast puristisch vorgetragene Musik, die das kulturelle Erbe bewahren möchte und oft musikalische Brauchtumspflege auf höchstem künstlerischen Niveau betreibt. Hier wäre etwa das vor wenigen Monaten veröffentlichte, vielfach gepriesene Kora-Album Toumani & Sidi von Toumani Diabaté und Sohn Sidiki zu nennen. Daneben existiert eine völlig von westlichen Pop- und Rap-Einflüssen geprägte Musik, die in Europa abseits einer migrantischen Parallelgesellschaft de facto kaum wahrgenommen wird. Und dann wäre noch ein Sound zu nennen, der einen Brückenschlag zwischen Moderne und Überlieferung wagt, wie dies etwa die Kasai Allstars mit ihrer Doppel-CD Beware The Fetish tun.

Das Kollektiv der Kasai Allstars ist im kongolesischen Kinshasa beheimatet. Die Demokratische Republik Kongo war schon in der Vergangenheit ein Schmelztiegel, der in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts etwa den Rumba congolaise in all seinen Ausprägungen hervorbrachte. Ein Franco mit seinem Orchester OK Jazz wäre hier unbedingt zu nennen. Die Karai Allstars sind also keineswegs vom Himmel gefallen, sondern Folge einer gewachsenen Offenheit, die neue Einflüsse mit der eigenen Herkunft versöhnt und sich dieser Tage unter dem Begriff Congotronics präsentiert. Beware The Fetish zeigt sich als Mischung aus ekstatischer Percussion (Xylophone, allerlei Trommeln), den Likembes (kreativ zusammengebastelten Lamellophonen), der unabkömmlichen E-Gitarre und einem im positivsten Sinne urtümlichen, vielstimmigen Dialoggesang. Weiterlesen »