Tagebuch eines Stehaufmännchens – Eels

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Eels 2 ©PiperFerguson

Photo Credit: Piper Ferguson

Es gibt Platten, die musst du suchen, andere finden dich – und mit manchen wieder hast du bereits eine Verabredung, obwohl sie noch als ungelegte Eier im Kopf des Künstlers schlummern. Zu solch einem Rendezvous treffe ich mich mit den Alben, die Mark Oliver Everett mit seinem Projekt Eels fabriziert. Everetts Historie als Stehaufmännchen ist gut dokumentiert, familiäre Schicksalsschläge haben seinem Leben den Stempel aufgedrückt. Ein typischer Song aus Eels’scher Feder trägt Traurigkeit in sich, vergrübelt sich in Vergangenes und Zukünftiges, hängt verpassten Gelegenheiten und verlorenen Lieben nach, kratzt allen Optimismus zusammen und vergewissert sich dabei, noch bei Verstand zu sein. Everett vermag die Schattenseiten menschlicher Triebe abzubilden, zugleich illustriert er oft auf wunderbare Weise die zerbrechliche Kostbarkeit menschlichen Seins. Auch von diesen Dingen weiß das jüngste Werk The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett das eine oder andere Lied zu singen.

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An der Schnittstelle zum Zeitgeist-Trigger – Robots Don’t Sleep

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Downtempo meets Pop meets Gospel, so behelfsmäßig könnte man zusammenfassen, was der deutsche Produzent Robot Koch zusammen mit dem US-Sänger John LaMonica unter dem Namen Robots Don’t Sleep ersonnen haben. Mirror ist eine Platte an der Schnittstelle, sie ist ob ihre klar zugeschnittenen Melodien voller Verve auch Hörern des Mainstream-Pop zuzumuten, zugleich wird die sachte Electronica auch denjenigen keineswegs sauer aufstoßen, die Charts-Kram sonst so fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Nun klingt Schnittstelle natürlich fein, weniger wohlmeinende Gemüter würden eher von einem Konsensalbum samt dem einen oder anderen faulen Kompromiss sprechen. Doch erscheint mir Mirror gelungen, weil es aus dem gedimmten Halbdunkel heraus funkelt, nie das grelle Scheinwerferlicht sucht. LaMonica singt oftmals mit sanftem Flüstern in der Stimme, doch hat der gedämpfte Ausdruck keinen soften, schnuckeligen Schlafzimmerblick im Sinn. Die handfesten wie berechnenden Hintergedanken, mit der uns Massenmusik um den Finger wickeln möchte, sind dieser Platte fremd.

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Argentina, die Luftgitarre und ich – Tokyo Police Club

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Ich bin in den letzten Wochen immer wieder über so manch durchwachsene Rezensionen zu Forcefield, dem neuen Werk der kanadischen Indie-Rock-Formation Tokyo Police Club, gestolpert. Vielen Besprechungen war der Tenor gemein, dass man sich doch so einiges erwartet hätte, was Forcefield letztlich nicht (ganz) einzulösen vermochte. Irgendwann wurde es mir dann zu bunt und ich holte die CD vom Stapel der bislang ungehörten Platten. Bislang war mir Tokyo Police Club nämlich nur dem Namen nach ein Begriff gewesen. Eine nähere Bekanntschaft wurde meinerseits nie wirklich gesucht. Nun aber, ein paar Hördurchläufe später vermag ich durchaus nachzuvollziehen, warum Exclaim! in einer der positiveren Reviews der Scheibe folgendes attestiert hat: “Forcefield strips down the Tokyo formula to its most basic components of guitar riffing, a strong sense of melody and a brilliant ear for unforgettable hooks, which has birthed some of their finest work yet.”

Wenn ein Album gerade einmal 33 Minuten und ein paar Zerquetschte zählt und allein der Opener schon achteinhalb Minuten dauert, dann steht und fällt natürlich alles mit diesem prominent platzierten Track. Tatsächlich gerät Argentina (Parts I, II, III) zur Großtat von Forcefield, zum triftigen Grund der Freude. Es atmet etwas von der ungestümen Unbeschwertheit, wie man sie etwa zu Studienzeiten erlebt. Bietet dabei so einige Hooks, an denen man sich ergötzen darf. Ohne Zögern greift man zur Luftgitarre. Von wildem Garage-Rock verfällt der Song unerwartet in luftig-leichte Nostalgie, Boy-meets-Girl-Irrungen geraten zu Hymnen an die Jugend, von nirgendwo her schlittern im Verlauf Synthies in die mit markanten Riffs punktende Gitarrenherrlichkeit. Der Track gleicht einer mit der Extraportion Alkohol verfeinerten Bowle, während deren Verzehr die verschiedensten Früchtchen zum Vorschein kommen. Weiterlesen »


Liederpoetin mit Courage und Vorwitz – Illute

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Unerschrockenheit ist Teil des musikalischen Seins. Viele Mozarte und Dylans sind vielleicht nie aus ihrem stillen Kämmerlein hervorgekommen, haben nie eine Bühne geentert und ihr Talent der Öffentlichkeit preisgegeben. Auch wenn es heutzutage leichter ist, der Upload eines Liedes auf SoundCloud keine Hexerei scheint, das anonyme Verschanzen hinter der Musik möglich wurde, braucht es noch immer ein Mindestmaß an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Lieder in die Auslage zu stellen. Im Falle der deutschen Liedermacherin Illute fühle ich oft diesen speziellen Unterton in der Stimme, wenn sich ihr Gesang an der Grenze zum Kieksen befindet, so als lache sie in sich hinein, ungläubig darüber, dass sie macht, was sie macht. Illutes Alben ist ein “Ich traue mich!” anzumerken, aber keinesfalls die Sorte verschämter, unsicherer Mut, eher schon ein gewisser Stolz, ihre Songs präsentieren zu können. Das wirkt sympathisch, auch auf ihrem neuesten Werk So wie die Dinge um uns stehn.

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Knabberzeugs für Hartgesottene – TWISK

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Blasiert, distanziert, nüchtern. Die Adjektive, die mir zum Hamburger Duo TWISK so in den Sinn kommen, sind auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft. Bei näherer Betrachtung jedoch haben sich Lennart Thiem und Martina Lenzin der Dekonstruktion musikalischer Klischees verschrieben. Ihr Werk Two ist spröde, dümpelt dünkelnd vor sich hin. Das Album versteht sich als Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock, es dringt aus den Katakomben des Untergrunds zu uns, wo TWISK als wackere Partisanen die Würde der Musik hüten. Dort geben sie sich ein High five mit der Tristesse.

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Sinnlichkeit, in milden Schwaden vom Plattenteller dampfend – Thievery Corporation

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Musik ist letztlich auch eine Sache der genetischen Disposition. Verhärmte Mädel liefern mausgraue Töne ab, harte Hunde neigen zu schlicht-derben Rock und verhaltensauffällige Teenager werden eben Rapper. Wenn man dagegen mit makelloser Eleganz gesegnet ist, darüber hinaus Rhythmus im Blut hat, dann nennt man sich Thievery Corporation und macht jahraus, jahrein edle Musik. Und zwar die Sorte Musik, die auch weniger wohlmeinende Zeitgenossen nicht einfach als loungiges Gedudel abtun können. Die US-Amerikaner Rob Garza und Eric Hilton sind alte Haudegen, die auf so manch exquisites Album zurückblicken dürfen. Mit ihrem neuen Werk Saudade lassen sie nun lateinamerikanische Wehmut in milden Schwaden vom Plattenteller dampfen. Es ist ein zärtlicher gehauchter, lieblich kultivierter Weltschmerz voll Chic und Noblesse. Beschwingt und federnd im Takt räkelt sich das Album in geballtem weiblichem Charme. So tönt Musik für Tage, denen ein besonderer, die Wirklichkeit bannender Zauber innewohnt.

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Release Gestöber 51 (Sierra Leone’s Refugee All Stars, OLD, Broken Note, Yann Tiersen)

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Ein wilde Mischung empfehlenswerter Veröffentlichungen: Von elektronischen Zombie-Insekten bis hin zu unterhaltsamen afrikanischen Klängen aus Sierra Leone ist einmal mehr alles vertreten. Diese Vielfalt sollen uns all die ganzen Hipster-Musikblogs mal nachsteppen ;) Auf geht’s!

Sierra Leone’s Refugee All Stars

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Photo Credit: David De Groot

Die Geschichte von Sierra Leone’s Refugee All Stars rührt an. In den Neunzigern flüchteten viele Menschen aus Sierra Leone vor dem Bürgerkrieg in Flüchtlingscamps in Guinea, in einem davon lernten sich auch einige Gleichgesinnte kennen, die Trost im Musizieren suchten. Daraus entstanden die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die nach Ende des Bürgerkriegs wieder in die Hauptstadt Freetown zurückkehrten. Von dort aus trat ihr Sound und ihre alle Widrigkeiten trotzende musikalische Botschaft den Siegeszug um die Welt an. Seit dem 2004 veröffentlichten Albumdebüt Living Like A Refugee haben sie mit weiteren Alben – etwa dem tollen Radio Salone (2012) – ihren Sound gefestigt. Und so freut es mich, heute auf ihren neuesten Streich Libation hinweisen zu dürfen. Es ist ein Album oftmals unbeschwerter Lebensfreude, eine schwungvoll-fröhliche Platte, deren liebevollen Rhythmen man sich nicht entziehen kann. Weiterlesen »


Kaffeekränzchen im inneren Ich – The War On Drugs

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Wenn man ganz tief in sich geht und dort Besuch vorfindet, darf man zunächst vielleicht durchaus mit der Wimper zucken. Wenn das innere Ich jedoch gerade ein Kaffeekränzchen mit den Lichtgestalten der Musikgeschichte abhält, dann sollte man sich unbedingt hinzugesellen und staunenden Ohrs das Notizbuch zücken. So zumindest hat es Adam Granduciel gemacht. Der Kopf der US-Band The War On Drugs hat wohl seit Jahr und Tag den einen oder anderen Gast, der ihm so durchs Hirn geistert. Ein Bruce Springsteen scheint mittlerweile bereits zum Inventar zu gehören. Dass sich nun aber auch ein Mark Knopfler, Tom Petty und – weltexklusiv – die Dylansche Artikulationslegasthenie zu Kaffee und Kuchen einfinden, mag Granduciel vielleicht überrascht, sicher aber inspiriert haben. Das neue Album Lost In The Dream fegt das wirklich gute Vorgängerwerk Slave Ambient völlig vom Tapet, Lost In The Dream gerät dank all der Einflüsterungen besagter Heroen zur famosen, erinnerungswürdigen Platte. Denn Granduciel kennt zwar seine Pappenheimer, ein schnöder Kopist ist er freilich nie.

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Photo Credit: Dusdin Condren

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Hinreißende Verbeugung vor der Tradition – Sofia Talvik

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Die Schwedin Sofia Talvik ist quasi Stammgast auf unserem Blog. Mindestens einmal pro Jahr wenden wir uns ihrem Schaffen zu. Das liegt speziell daran, dass sie mit uns die Leidenschaft für Weihnachten gemeinsam hat. Jedes Jahr aufs Neue beschenkt sie ihre Fans – und generell alle Apostel der Weihnachtszeit – mit einem eigens komponierten Weihnachtslied, das wir dann auch gleich im Rahmen unserer alljährlichen Fundgrube zauberhafter und charmanter Lieder zum Fest weiterempfehlen. Doch nicht nur im Dezember ist Talvik ein offenes Ohr wert. Die umtriebige, vor allem im Folk und Pop beheimatete Singer-Songwriterin ist ständig auf Achse, mindestens alle paar Monate mit einer neuen EP oder gar einem neuen Album im Gepäck. Sie zählt zu der Sorte Künstlerinnen, die eben nicht Musik machen und dann fast trotzig darauf warten, dass Hörer von sich aus Rosen streuen. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, kommt der Prophet halt zum Berg. Eine lobenswerte, unprätentiöse Einstellung!

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Photo Credit: Gustaf Waesterberg

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Identitätsbestimmung mit Ausrufezeichen – Ashia & the Bison Rouge

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Vor zwei Wochen schon habe ich auf eine spannende Konzertreise von vier höchst talentierten Singer-Songwriterinnen hingewiesen. Unter der Bezeichnung American Songbirds touren gerade Ashia Grzesik, Kyrie Kristmanson, Rachelle Garniez und Stephanie Nilles durch Deutschland. Speziell die unter dem Namen Ashia & the Bison Rouge musizierende Ashia Grzesik habe ich für mich entdeckt. Grzesik ist im polnischen Warschau geboren und in den USA aufgewachsen. Ihr kammermusikalischer, stets mit omnipräsentem Cello ausgestalteter Pop bekennt sich daher zur osteuropäischen Pro­ve­ni­enz, offenbart sich burlesk bis surreal, kreuzt Chanson mit dem Charme des Cabaret, scheut schließlich auch vor manch slawischer Ballade nicht zurück.

Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Werk Diesel vs Lungs beeindruckt vor allem als Identitätsbestimmung, die das europäische Erbe facettenreich in der Gegenwart entfaltet und verwurzelt. Weiterlesen »