Vielleicht war ich ja 2009 noch naiv. Aber ich hätte damals schwören können, dass das clever gestylte Trio Lenz mit ihrem Album Augen auf und durch dank pfiffigem Indie-Pop-Sound durchstarten würde. Nun schreiben wir 2013 und die Band ist auf Richard Lenz zusammengeschrumpft, der es mit dem Album Glücksschwein wieder wissen will. Glücksschwein versucht sich abermals an Pop-Poesie, klingt dabei allerdings eine Spur gesetzter. Öfters erinnert mich auch diese Platte daran, warum mir Lenz vor vier Jahren imponiert haben. Mitunter jedoch ist das neue Werk zwar nett, leider aber ausgesprochen unspektakulär.
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Unaufgeregten Träumern unter das Kopfkissen gelegt – Jet Flower
Posted onManch Alben werden nur für einige wenige Liebhaber gemacht. Und diese mögen sich im Überschwang der Gefühle den Mund noch so fusselig reden, der Funke wird auf die Mitmenschen nicht überspringen. Manch Buch, Album, Film ist in seinem Sentiment eben nicht für die breite Masse gemacht. Es ist wirklich nicht schlimm, sich als Teil einer Minderheit zu verstehen, die Musik, Literatur oder Film eben anders wahrnimmt, anders fühlt, sofern man daraus nicht den Status eines elitären Geschmacks ableitet. Und vielleicht gar darauf erpicht ist, dass die eigenen Vorlieben nur ja nicht in den Dunstkreis des Massengeschmacks gelangen. Irgendein Bauchgefühl jedenfalls sagt mir, dass die dänische Formation Jet Flower weder mit ihrem aktuellen Album We Walk Alike noch mit zukünftigen Platten Legionen von Menschen erreichen werden. Vielleicht liegt es an der unprätentiösen Nostalgie des Werks, welches im Ton oft dezent zärtlich und stets kräftig melodisch ausfällt. Dieser pittoreske Indie-Folk-Rock-Sound ist unaufgeregten Träumern unter das Kopfkissen gelegt.
Bis in die innersten Eingeweide – Tante Doktor
Posted onTante Doktor ist eine Band aus Gießen, die sich laut Eigenbeschreibung dem medizinischen Songwriting verschrieben hat. Was zunächst für einen Hypochonder wie meine Wenigkeit als Drohung anmutet, entpuppt sich bereits während des ersten Höreindrucks als erstklassig. Die EP Unsteril zeigt ein sichere Hand für smarte und elegante Songs in deutscher und englischer Sprache. Bereits der erste Track Mr Anaesthesia erinnert an so manches, was die notorisch unterschätzte Formation Mardi Gras.bb im Laufe ihres Schaffens fabriziert hat. Beschwingt und zugleich inbrünstig absurd gibt sich der Song im besten Sinne altmodisch, so als entstamme er einem in jeder Hinsicht schrägen Varieté. Im nachfolgenden Schwester vermag das direkt aus einer Intensivstation entsprungene Gefiepe den Hörer ordentlich einzuschüchtern. Diese Ballade steht durchaus in der grüblerischen, lakonischen Tradition von Element of Crime (“Im Schichtdienst des Lebens/ Am Ende wird verreckt/ Kalte Zigaretten und eisiges Gemüt/ Vorwärts, immer weiter/ Nur keinen Schritt zurück/ Hat’s was gebracht/ Tut, was sie kann/ Und legt dann den Kittel der Verdrängung an“). Das Dasein einer Krankenschwester ist selten derart knallhart an der Front der Menschlichkeit geschildert worden. Das tönt edel, zugleich auch schwer verdaulich. Diesen Umstand ahnt wohl auch Tante Doktor, denn mit Death Tango wird die kühle Atmosphäre wieder orchestral aufgelockert, mit der Essenz des Siechens ein Tänzchen gewagt. Unsteril wagt sich an die Tristesse des Endes. Wo die Texte einen Kloß in den Hals zaubern, vermag die Musik mit viel Seele und Stil für ansprechende Erträglichkeit zu sorgen. Nach dem etwas harmloseren Duett Injection of Wealth wird es bei Des Teufels größter Haufen wieder hoffnungslos makaber (“Die Sepsis macht die Tore auf“). Solch gesanglich stark dargebotene Medizinerpoesie ist Schlag in die Magengrube, dabei freilich skurril genug, um den Hörer mit einem gewissen Maß an Faszination in den Bann zu ziehen. Just als man weiteren Scheußlichkeiten harrt, sieht man sich mit dem letzten Song der Platte konfrontiert, dem souligen, wunderfeinen Track Waltz of Loss. Spätenstens jetzt sollte man sich mit Unsteril trotz der zugegeben nicht eben fröhlichen Prämisse anfreunden können. Wer einen kultivierten, keineswegs vordergründigen, eher schon tiefsinnigen Grusel bis in die innersten Eingeweide sucht, muss dieser EP das Ohr leihen. Tante Doktor haben ein wunderbar spezielles Kleinod geschaffen, dem selbst hartgesottene Hypochonder eher früher als später auf den Leim gehen. Und ich weiß, wovon ich spreche.
So überspannt wie nur Indie sein soll – My Name Is Music
Posted onManch Spaß lässt sich nicht in Worte fassen. Das Duo My Name Is Music kommt aus Wien und macht hibbeligen Indie-Pop-Rock. Solch eine Beschreibung kann freilich alles bedeuten, verrät nichts über die markante, mitunter bluesig röhrende weibliche Sangesstimme. Und sogar wenn man nun erwähnt, dass einige Tracks mit quirligem Electro-Pop imponieren, hat man noch immer nicht das Wesen des Albums Super Acceleration ergründet. Diesem abgedrehten – mal rauen, mal partyfrohen – Werk kommt man mit Worten schwer auf die Schliche. Es wirbelwindet durch die Boxen, dass man anfangs noch die eine oder andere Augenbraue voll Skepsis hebt. Will da jemand mit viel Tamtam gute Laune vorgaukeln? Oder ist diese kunterbunte Songmischung tatsächlich eine musikalische Offenbarung, die durchaus humorvoll für eine Bombenstimmung sorgt?
Sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie – Cayucas
Posted onEine halbe Stunde kann verdammt lang werden. Beispielsweise am Ende eines langen, enervierenden Arbeitstages, auf dem mehr als unbequemen Wartezimmerstuhl eines Zahnarztpraxis, oder gar im Stau auf dem Weg in den überfälligen Urlaub. 30 Minuten können jedoch auch furchtbar kurz ausfallen, wie im Flug vergehen. Etwa wenn man seine Lieblingsserie im TV guckt, in einer geselligen Runde bei Kaffee und Kuchen tratscht, in einem aufregenden Buch versunken ist. Im besten Falle erweist sich auch Musik als Kurzweil, welche sich zwischen die Längen eines Tages mogelt, ein Intermezzo aus Entspannung und Freude beschert. Mit großer Wonne habe ich das Album Bigfoot genossen. Mit 8 Liedern im Gepäck und nicht einmal 31 Minuten zählend zeigt es sich als kompaktes, unnachahmliches sommerliches Werk, das leichfüßig und besonders nostalgisch zu betören weiß. Cayucas, Projekt des Kaliforniers Zach Yudin, ist ein charmantes Debüt gelungen, welches für 30 Minuten Unbeschwertheit sorgt.
Ein endlich eingelöstes Versprechen – Clara Luzia
Posted onIch habe meine Landsfrau Clara Luzia eigentlich nie ins Herz geschlossen. Natürlich ist sie seit Jahren eines der wenigen passablen Vorzeigegesichter der österreichischen Indie-Szene, aber dennoch war sie mir stets zu sperrig und zugleich zu farblos, um an meinem Gemüt zu rütteln. Ihr Ende März erschienenes Album We Are Fish hat mich nun endlich bekehrt, mir Gefühle in die Brust gezaubert. Hauptgrund für meine plötzlich ausgebrochene Zuneigung ist ein kompakter, oftmals fast schon deftiger Sound, der das bislang schale Larifari-Umsetzung durch druckvollen Krach ersetzt. Clara Luzia löst eigentlich erst mit dieser Platte all die Vorschusslorbeeren ein, die ihr schon seit Jahren gestreut werden.
Release Gestöber 39 (The Moth & The Mirror, Slow Earth, New Found Land)
Posted onIn den letzten Wochen – sogar Monaten – sind einige Kleinode eingetrudelt, bislang jedoch unerwähnt geblieben. Das soll nun peu à peu nachgeholt werden.
The Moth & The Mirror
Indie-Rock mit folkiger und verträumter Note dringt mit anderthalbjähriger Verspätung nun auch in deutschsprachige Gefilde vor. Die schottische Band The Moth & The Mirror vermag mich mit ihrem Album Honestly, This World nicht gänzlich zu überzeugen. Manchmal hat die Formation Kaugummi auf den Sohlen kleben, wirkt die Chose ein wenig dröge, kommt nicht vom Fleck. Ein paar Tracks jedoch erklären, warum das Album nun hierzulande auf Stargazer Records seine verdiente Veröffentlichung erfährt. Etwa das anfänglich entschleunigte, sich in weiterer Folge dramatisch aufschwingende Oceans & Waves, ein vom Kontrast zwischen quirligem Rhythmus und ätherischer Stimme getragenes Germany oder Fire, dem eingängigsten, schmissigsten Stück dieser Platte. Diese Songs sind es, welche Honestly, This World aus dem Wust der Veröffentlichungen hervorstechen und The Moth & The Mirror zu einer Entdeckung werden lassen.
Release Gestöber 38 (Rover, Yasmine Hamdan, Jaga Jazzist)
Posted onRover
Wenn ein larmoyanter Sixties-Crooner, vielleicht ein wenig im Stile von Scott Walker, auf das kräftige Außenseiterum eines Meat Loaf trifft, wenn man sich diese Vorstellung im Kopf ein bisschen ausmalt, vermag man in den musikalischen Kosmos von Rover einzutauchen. Der Franzose Timothée Régnier hat unter diesem Alias ein ungeheuer markantes Debüt vorgelegt, eine Singer-Songwriter-Scheibe, die mit Leben und Liebe hadert, dabei nicht verzagt, sich vielmehr den Triumph der lauthals mit der Welt ringenden, geschundenen Seele gönnt. Das wuchtige Remember etwa erzählt von der Einsamkeit des mit einem Korb bedachten (“Oh silly I, silly I/ I melted down and cried, alone/ We could’ve settled down on the seaside shore/ And carry the time/ Only you never showed up dear“). Rover macht aus Pathos eine Tugend, erschafft nebenbei einen veritablen Radiohit. Glück ist in seinen Songs generell ein wenig zuverlässiger Gefährte, eine im Leiden verblassende Erinnerung (Tonight). Bitterkeit wird zelebriert, die gierigen, scheuklappigen Lebensmodelle anderer Menschen wirken gnadenlos seziert. Beim melodramatischen Queen Of The Fools bricht dies besonders durch, wenn Zeilen wie “Thinking that you rise? You’re on the wrong ladder/ Sure if it’s money-wise, you’re queen of the fools” als mitleidslose Abrechnung erschallen. Das gespenstische Wedding Bells versinkt in der Traurigkeit des Rückkehrers, der die Liebste in den Armen eines anderen wiederfindet (“The name on doorbell had been changed/ A man had come to ruin the plan/ My expectations are in vain/ I stand alone to my old door“). Die dunkle Electro-Pop-Hymne Silver hebt das Unbehagen auf eine allgemeinere Ebene, malt ein hässliches Gesellschaftsbild. Keinesfalls unter den Tisch fallen sollen die Tracks Carry On und das geradzu ausufernd niederschmetternde Full Of Grace. Dessen Refrain ist der inbrünstige Höhepunkt dieses edlen Albums. Man sollte diese Platte unbedingt in der Deluxe Version erwerben, denn auch die nachfolgenden Bonustracks sind stark. Beispielsweise Silence To Navigate.
Im Schwitzkasten der Ekstase – Letherette
Posted onWir sollten uns davor hüten, alles und jeden in schief zusammengemurkste Schubladen zu stecken. Freilich wirkt die eigene Wahrnehmung dadurch immer penibelst aufgeräumt, lässt sich alles schnell einsortieren. Allerdings bleibt dabei die Differenzierung auf der Strecke, der Blick für das Detail weicht oberflächlicher Betrachtung. Dem ersten Eindruck nach eifert das britische Electronica-Duo Letherette natürlich der schwüle Tanzmusik französischer Prägung nach. Die Namen von Daft Punk oder Étienne de Crécy schleichen sich nicht von ungefähr ins Gedächtnis. Bevor man nun jedoch vorschnell zum Urteil gelangt, dass es hier wahrlich nichts Neues unter der Sonne zu bestaunen gibt, sollte man sich jedoch auch fragen, ob die Schönheit und Intensität solcher Klänge tatsächlich schon in dieser Form vernommen hat. Letherette mögen mit ihrem gleichnamigen Debüt das Genre nicht aufmischen. Und doch hopsen sie mit Siebenmeilenstiefeln gen Olymp, versprenkeln die Magie von Downtempo, nehmen den Hörer in den Schwitzkasten der Ekstase.
Ein Rambazamba in jede Bude rockend – Snøffeltøffs
Posted onExistentielle Wahrheiten sind eine feine Angelegenheit. Auch das Philosophieren oder ein schwelgerisches Sinnieren mag den einen oder anderen Tag versüßen. Aber was wäre das Dasein ohne schiere, pure Unterhaltung, die so richtig auf den Putz haut? Und exakt dieses Lebensgefühl vermittelt die in Berlin ansässige Band mit dem putzigen Namen Snøffeltøffs. Die Band nennt die Chose Shit-Fi-Garage und so abgedreht klingt es denn auch. Die EP Female Dreams ist großartiger, schmissiger Trash zum Anfassen. Kurz, knackig, immer mit einem Fuß im bierversifften Schlamassel. Das ist lärmiger Schund, wie die Welt ihn braucht. Die ganze EP klingt wie knapp vor einer Kneipenschlägerei eingespielt. Sie tönt unangepasst punkig, Gitarre, Bass, Drums und ne Orgel plärren um die Wette, immer die flotte Sohle aufs Parkett legend und eine dicke Lippe riskierend.



